Allgemein Evangelische Akademie Thüringen

„Tiberanda hey!“ – Jugendbeteiligung in Meiningen

Als meine Kollegin Désirée und ich morgens am Bahnhof in Meiningen ankommen, ist unser erster Eindruck: Idyllisch ist es hier, ruhig und noch etwas verschlafen liegt der Bahnsteig vor uns. Als wir kurz darauf von Ulrich Töpfer – Landesgeschäftsführer des Bundes Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland (bejm) und Meiningens stellvertretender Bürgermeister – abgeholt werden, wird uns schon schnell klar: Hier ist einiges los! Wir sprechen über Ideen der Jugendbeteiligung in der Stadt und langjährige Jugendbildungsarbeit in Thüringen. Um allen Eindrücken dieses ereignisreichen Tages und seiner Gespräche gerecht zu werden, möchte ich gern zwei Blog-Einträge dazu verfassen.

Unseren ersten Halt in Meiningen machen wir bei Bürgermeister Fabian Giesder. Mit ihm sprechen wir darüber, wie Kinder und Jugendliche das Leben in Meiningen empfinden. Wie in vielen Städten im ländlichen Raum, verließen auch in Meiningen junge Menschen die Region, da sie sich anderswo bessere berufliche Chancen versprachen. Bei den Jugendlichen herrsche das Bild einer schwächeren Region vor, in der das Lohnniveau niedriger, die beruflichen Aussichten schlechter und generell wenig los sei. Herr Giesder nennt als Problem, dass es unter anderem kein kontinuierliches Ausgehangebot für Jugendliche gäbe – die örtliche Diskothek musste aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden – und auch Hochschulabsolventen nach dem Studium selten in die Stadt zurückkämen.

Gespräch mit Bürgermeister Fabian Giesder
Gespräch mit Bürgermeister Fabian Giesder

Dabei sei Meiningen wirtschaftlich gut aufgestellt und viele Unternehmen moderner Branchen wie IT, High-Tech oder Medizin hier angesiedelt. Die Gründe für das bei Jugendlichen bestehende Bild einer für ihre Zukunft weniger attraktiven Stadt lägen unter anderem in den Erfahrungen der Elterngeneration: Nach der Wende brachen zahlreiche Arbeitsplätze weg und die Menschen mussten sich neu orientieren. Dies sei in die Sozialisation späterer Generationen eingeflossen, die dieses Bild übernahmen. Hinzu käme die Frage, wie junge Menschen bei wachsendem Misstrauen in Politik und Medien erreicht werden könnten. Das Handwerk vor Ort habe es außerdem schwer, gegenüber Studienberufen zu bestehen, die von Jugendlichen als attraktivere Berufsbilder empfunden würden. Was es also in Meiningen an Chancen und Aussichten gäbe, sei schwer an die Frau bzw. den Mann zu bringen.

Die Jugend- und Familienpolitik vor Ort geht hier jedoch einen guten Weg und die Stadt gewinnt an Zuwachs als attraktiver Standort. Meiningen als Theaterstadt müsse den Spagat zwischen Hochkultur und Breitenkultur besser für Kinder und Jugendliche hinbekommen, so Fabian Giesder. Inzwischen wird das alte Volkshaus saniert und als Kultur- und Begegnungsstädte neu belebt (1996 fand hier die letzte Veranstaltung statt). Neue Wege für das Theater werden über eine Bürgerbühne eingeschlagen, es gibt drei Jugendclubs und ein Jugendzimmer. Die Stadt möchte zum Zentrum im ländlichen Raum für Familien werden und sorgt dafür mit dem Ausbau von Kita- und Betreuungsstätten, Spielplätzen und der Aufenthaltsqualität in Parks und öffentlichen Orten.

Beteiligung an der Stadtgestaltung und -politik ist Kindern und Jugendlichen über den Kinderstadtrat möglich. Über zwei Jahre lang hat dieser zunächst selbst Spielregeln für sich festgelegt, wie mit Forderungen und Interessenvertretung gegenüber der Stadt umzugehen sei. Mittlerweile trifft sich der Kinderstadtrat in Arbeitsgruppen zu inhaltlichen Themen, Projektplanung und Teamstärkung, einmal pro Jahr nimmt er teil an einer Tagung aller Städte mit Kinderparlamenten. Die Mitglieder im Alter von 8 bis 18 Jahren werden im Wahlkampf an Meininger Schulen gewählt, sie haben Vorstand und Rederecht und sind so gegenüber der Stadt legitimiert. Der Stadtrat wiederum gibt Impulse und begleitet die Kinder und Jugendlichen bei Projekten und in der Vertretung ihrer Bedürfnisse.

Der Kinderstadtrat selbst ist aus einem Projekt erwachsen, das Meiningen einzigartig macht und Modellcharakter in Südthüringen hat: Die Kinderstadt. Darüber sprechen wir mit Iris Helbing, Archivleiterin des Stadtarchivs und unsere zweite Gesprächspartnerin, die wir gemeinsam mit Uli Töpfer besuchen. Die Kinderstadt gibt es seit 2011 und sie findet jährlich in der vorletzten Woche der Sommerferien statt. Bis zu 130 Kinder können sich eine Woche lang in 15 Berufen ausprobieren, öffentlichen Raum und die Stadt gestalten. Sie organisieren sich dabei selbst, während sie von großteils ehrenamtlichen erwachsene Helfer*innen begleitet und durch Berufsleiter betreut werden. Die Kinder sollen im Projekt ihre Potentiale entwickeln, Gemeinschaft leben und sich aktiv im städtischen Raum entfalten können. So ist die Kinderstadt mit Namen „Tiberanda“ (und dem Schlachtruf „Tiberanda hey!“) jährlich auch immer eine tatsächliche Stadt in der Stadt: In Meiningen wird ein Bereich gesperrt, es werden Zelte errichtet und Erwachsene haben nur mit Visum Zutritt.

Der Kinderstadtplan aus dem Projekt "Kinderstadt Meiningen"
Der Kinderstadtplan aus dem Projekt „Kinderstadt Meiningen“

Aus der Kinderstadt entstehen dann auch andere Projekte, die das Stadtbild prägen. So gibt es einen Stadtplan für Kinder, Skulpturen oder Graffitis. Die Kinder werden als Bürger der Kinderstadt ernst genommen, gefördert und partizipativ gefordert. Iris Helbing erzählt uns, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien verstärkt erreicht werden sollen und dass gerade als vermeintliche „Problemkinder“ bezeichnete Kinder im Projekt aufblühten. Wir haben die Kinderstadt im Gespräch als ein beeindruckendes Projekt wahrgenommen, in das eine Menge Herzblut fließt und das ein Format auf Augenhöhe der Kinder darstellt, mit dem sie die Stadt aktiv für sich erfahr- und gestaltbar machen. Das Lebensgefühl des Projekts, das wir aus dem Gespräch mitnehmen, kann man gut mit Iris Helbings Worten erfassen: „Wir wollen bunt und laut sein, nicht bloß funktionieren.“

Bunt war es auch bei unserer dritten Station in Meiningen, denn Uli Töpfer begleitete uns zu Julia Böhler. Sie ist Leiterin der Christophine Kunstschule, einer von 12 Jugendkunstschulen in Thüringen. Mit ihr sprechen wir unter anderem über das Kinder- und Jugendtheater „Tohuwabohu“. Die Theatergruppe gestaltet thüringenweit Theater-Workshops für Altersgruppen von klein auf, in der Ausdruck, Theaterspiel und Persönlichkeitsentwicklung erprobt werden. Bekannte Theaterstücke, wie der „Sommernachtstraum“, werden dabei jugendlich und neu inszeniert. Auch hier wird mit Herzblut gearbeitet: Die Gruppe macht Theater von Kindern und Jugendlichen für Kinder und Jugendliche. Viele der Mitglieder sind schon seit jungen Jahren mit dabei, einige verfolgen das Theater auch später weiter und machen es zum Beruf. So entsteht eine Gemeinschaft, die in Meiningen nicht nur einen festen Bezugspunkt für junge Menschen bietet, sondern Austausch über das Theater durch mehrere Generationen hindurch bietet. „Tohuwabohu“ fördert dabei auch Austausch und Begegnung mit Geflüchteten und beteiligt sich am „Fest der Kulturen“ – dem Aktionstag für Demokratie und Toleranz in Meiningen.

Es ist kurz nach dem Mittag, als wir uns mit Uli Töpfer für unser letztes Gespräch in Meiningen zusammensetzen. Mit ihm sprechen wir über seine Erfahrungen und Einschätzungen und die Veränderungen langjähriger Jugendbildungsarbeit in Thüringen. Unsere Einblicke dazu möchte ich in einem anderen Blog-Beitrag teilen.

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