Allgemein Evangelische Akademie Meißen

Politisierende Jugendarbeit als stete Wiedervorlage

Für das Projekt Luthers Kinder habe ich mehrere sächsische Minister*innen um ein Gespräch gebeten. Lediglich zwei haben einer persönlichen Begegnung zugestimmt. Das Besondere in der Kommunikation mit Martin Dulig, Sächsischer Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr und zugleich SPD-Landesvorsitzender war, dass ich immer wieder auf meine Nachfragen die Antwort aus dem Ministerbüro erhielt, dass meine Anfrage bei Martin Dulig auf dem Schreibtisch liegt und er auf jeden Fall einen Termin ermöglichen möchte. Jedoch fände sich im Kalender keine passende Möglichkeit. Irgendwann ergab sich plötzlich ein Zeitfenster für 45 Minuten und zum Glück passte dies auch in meinen/unseren Kalender. Allerdings in Dresden, fernab des Lutherweges. Jedoch betont Martin Dulig, dass er unsere Idee so weit als möglich ernst nehmen möchte: wir werden keinesfalls in seinem Büro sitzen. Und so erleben wir, wie an der Rezeption das bekannte Prozedere beginnt: Anmeldung, telefonische Verständigung mit dem Ministerbüro, ob Wencke Trumpold, Geschäftsführerin des Kinder- und Jugendring Sachsen e.V. und Christian Kurzke tatsächlich einen Termin mit dem Herrn Staatsminister haben. Nach der Bestätigung werden wie gewohnt die Personalausweise erbeten, um alles entsprechend vorzubereiten und uns den Besuchsstatus zusprechen zu können. Doch dann: Rückruf aus dem Büro, der Herr Staatsminister kommt direkt herunter an die Rezeption um uns abzuholen, damit der verabredete Spaziergang möglich werde. Wir mögen doch einfach kurz warten. Lediglich der Rezeptionist war nun noch kurz verunsichert.

Zügig verlassen wir das Ministerium, umrunden die Staatskanzlei und begeben uns auf den Weg an der Elbe entlang. Martin Dulig kommt direkt von einem Termin aus dem Erzgebirge und hat nach unserem Gespräch unmittelbar einen Anschlusstermin. Es ist zu spüren, dass er „unter Strom steht“, die Aufgaben, die Terminfülle, die kurz zugerufenen Informationen und manch anderes mit dem Ministeramt Verbundenes ist zu spüren. Das Tempo des Spaziergangs ist zügig, meist weht eine deftige Prise Wind und ich habe indirekt zugesagt, auch auf die Uhr zu achten. Also zweiundzwanzig Minuten in die eine Richtung, dann umdrehen. Und wenigstens ein schnelles Foto nicht vergessen. Noch etwas fällt auf. Etwas, was wir auch schon in den Gesprächen mit den beiden jugendpolitischen Sprechern zuvor beobachtet haben. Auf einzelne Fragen wird sehr bestimmt, entschieden und mit einem gewissen Nachdruck und hohem Redetempo geantwortet. Zahlreiche Debatten, Meinungsverschiedenheiten und politische Konflikte lassen sich da für uns jeweils erahnen, die den Menschen, den jeweiligen Politiker und in diesem Gespräch den Minister offensichtlich prägen. Bei anderen Fragen entsteht jedoch sogar manchmal eine Nachdenkpause, ein Vorwärtstasten oder eine Leichtigkeit in der Antwort.

Natürlich sind wir schnell mitten im Gesprächsthema. Martin Dulig brennt offensichtlich auch in seiner Ministeraufgabe für das Thema Jugendarbeit und Jugendpolitik. Er betont, dass dort seine Wurzeln liegen würden, kirchliche Jugendarbeit ihn als Jugendlichen zum ersten Mal regelrecht politisiert und er in der Jugendarbeit seine ersten demokratisch agierenden Gremienarbeiten erlebt habe. Später folgte Jugendarbeit und dann auch Jugendpolitik als konkrete Aufgabe. Schnell kommen klare, einen Rahmen setzende Aussagen: Jugendarbeit und Jugendpolitik muss weg von der Defizitorientierung in ihrer Perspektive auf die Jugendlichen, den Ansatz der Eigenständigen Jugendpolitik habe er seit langer Zeit verinnerlicht und hält er für notwendig. Er warne vor der von ihm wahrgenommenen Tendenz, immer nur in Unterstützungssystemen zu denken und sich dabei ausschließlich auf eine helfende Rolle zu konzentrieren.

Jedes Gespräch verläuft anders, wie stellen keinesfalls jedes Mal die gleichen Fragen. Einige wenige sind aber fester Bestandteil. Z.B. die Frage, was denn eine jugendgerechte Gesellschaft sein könnte. Wir kommen gar nicht dazu diese Frage zu stellen, Martin Dulig geht von sich aus darauf ein. Es mag an seiner Person aber auch am irgendwie bereits begonnenen Wahlkampf liegen, den die SPD mit dem Thema Gerechtigkeit ja auch prägen will. Er umschreibt dies so: Gerechtigkeit sei nicht die Gleichheit aller Menschen. Aber es sei Aufgabe der Politik Bedingungen zu schaffen, dass im Prinzip alle die gleichen Chancen haben können. Für politische Entscheidungen gerade vor dem Hintergrund der damit verbundenen Finanzverteilung hebt er hervor, dass er sich als Christ in dieser Frage davon leiten lasse, dass Gerechtigkeit ein Akt der Barmherzigkeit sei. Dementsprechend liege der Fokus auf der Überlegung, ob eine Entscheidung konkret Menschen zu Gute kommt oder eher gegenständlich orientiert sei.

Wir sind im Gespräch auf der Suche danach, wo und wie genau sich denn Jugendpolitik in einem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr wieder findet. Und so schildert Martin Dulig zunächst eine von ihm wahrgenommene Differenziertheit unter den Jugendlichen: er kenne Jugendliche, die ihr Leben sehr konkret planen, sich einbringen wollen und global denken und handeln. Aber ihm begegnen auch viele Jugendliche, deren Welt sinnbildlich formuliert „kleiner“ ist aufgrund ihrer Lebensthemen und der Situation im familiären Umfeld. Und so beobachte er eben Unterschiede zwischen den Fragen, ob es gelingt einen Studienplatz im Ausland zu organisieren oder ob täglich der Bus durch das Heimatdorf fährt, um den Alltag bewältigen zu können. Alle diese verschiedenen Biografien gelte es zu unterstützen und gleichermaßen wertzuschätzen. Dies bedeute dann z.B., dass duale Ausbildungssystem zu erhalten und sowohl die akademische Ausbildung in gleichem Maße zu loben und zu wertschätzen wie eine Berufsausbildung bspw. an einem Berufsschulzentrum, denn letztere würde ebenso alle Chancen der Welt eröffnen. Die Suche nach notwendigen Fachkräften wird ihm zu eng im akademischen Kontext gedacht.

Zwei weitere konkrete Aufgaben benennt er und betont dabei immer wieder auch den konkreten Bezug zur Lebenswelt Jugendlicher: die Digitalisierung dürfe nicht nur für die Industrie in den Blick genommen werden, sie müsse für alle Lebensbereiche und für alle wirken. Auch dürfe nicht aus dem Blick geraten, dass sich das Verständnis von Arbeitsgemeinschaft wandeln werde. Leider können wir dies nicht vertiefen. Verkehrspolitik versteht Martin Dulig dahingehend, dass Mobilität mehr ermöglicht werden müsse. Wir streifen im Folgenden die Rolle der Verkehrsträger, Gestaltung von Taktungen, laufende Förderungspolitik bis hin zur Frage, ob mobiles Leben im Ländlichen Raum ohne ein eigenes Auto tatsächlich erreicht werden könne. Zahlreiche Detailerläuterungen folgen, sie würden den Rahmen dieses Blogbeitrages jedoch zu sehr weiten.

Kurz kommen wir noch auf das Ministerium im engeren Sinne und den Bezug zur Jugendpolitik zu sprechen. Martin Dulig erinnert sich, dass einige Abteilungen im Haus dankbar gewesen seien, dass sie nun stärker in den Blick genommen wurden. Es sind alles Abteilungen, die konkret auch Bezug zur jugendlichen Lebensphase haben. Auch könne er erkennen, dass zunehmend verstanden werde, dass Entscheidungen prozessual und nicht abgeschlossen zu denken sind und zugleich alle einem stetigen Lern- und Weiterentwicklungsprozess unterliegen müssen, um handeln zu können. Und er habe den Eindruck, dass Programme, welche vor allem auf Prävention fokussieren schwerer argumentativ zu vertreten sind.

Längst sind wir auf dem Weg zurück und bereits wieder an der Staatskanzlei angekommen. Noch eine letzte Frage: Welche Erwartungen formuliert er an die Fachkräfte der Jugendarbeit? Er bittet darum in Zeiten von Brexit, AfD, PEGIDA, Trump der Gesellschaft und vor allem den Jugendlichen Mut zu machen. Es sei wichtiger geworden aufzeigen, dass sich Engagement lohnt. Zugleich sei er dankbar für die vielen jungen Leute, die sich derzeit insbesondere einbringen. Und noch etwas: Eigenständige Jugendpolitik müsse tatsächlich gelebt, junge Menschen nicht als (Problem)Fall wahrgenommen werden, sondern es gilt sie über Stärken und Vielfalt zu definieren. Das muss Jugendarbeit immer wieder einfordern. Es ist ihr politischer Auftrag, eine stete Wiedervorlage für die Schreibtische der Entscheidungstragenden.

Und dann ist Martin Dulig wieder weg, im Fahrstuhl auf dem Weg in sein Büro.

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