Allgemein Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e.V.

Pforta – Landesschule für Reflektierte und Privilegierte

Eingang zu Landesschule Pforta

Mehr Sozialkunde, als Jugendliche wählen und als Frau Papst werden können, klare Standpunkte, nicht nur, aber auch bei der Kirche. Das sind Wünsche von Katja, Rebekka und Paula, die ich gemeinsam mit dem Landesjugendpfarrer der Ev. Kirche in Mitteldeutschland Peter Herrfurth in der Landesschule Pforta in Schulpforte, in der Nähe von Naumburg getroffen habe. Da wir von der Evangelischen Kirche kommen, dreht sich der erste Teil des Gesprächs um die Reformation und die aktuellen Feierlichkeiten. Dass sie politisch interessiert sind und was sie von der Politik erwarten, erläutern sie später aber auch noch.

Gotische Kirche in Pforta
Die gotische Kirche ist Teil der Landesschule Pforta

Die Schule, ein gotischer Gebäudekomplex und ehemaliges Kloster, ist als Internat organisiert. Wir treffen uns 16:00. Da läuft normalerweise noch der Unterricht und unser Gespräch reicht bis lange in die Hausaufgabenzeit hinein, die bis 18.15 dauert. Am Abend gibt es dann noch Arbeitsgemeinschaften. Zuerst berichten Katja und Rebekka von einem Film, den sie gerade gemeinsam mit Schüler*innen einer Schweizer Partnerschule erstellen. Darin geht es um die Umwandlung des Klosters in eine Schule in der Zeit der Reformation. In der Beschäftigung mit dem Thema hätten sie viel gelernt – über Frauen in der Reformation, die Schweizer, aber auch die anderen unbekannteren Wittenberger Reformatoren.

Die Frage, ob das Thema für sie interessant sei, beantwortet Rebekka mit einem klaren Ja. Durch die Schule habe es einen direkten Bezug und sie fände das Thema auch spannend. Allerdings würde es für Nichtchristen spätestens dann nervig, wenn es zu sehr ins Theologische ginge, z.B. die Frage der Bedeutung des Abendmahls.

Katja ist katholisch und findet schon deshalb, dass Lutherjubiläum ein doofer Name sei. Schließlich solle es nicht um einen Mann gehen, sondern um eine Zeit, eine Veränderung der Gesellschaft und der Kirche. Das sei interessant, weil man da sehen könne, dass es erst eine kritische Situation brauche, bevor Gesellschaft reformiert oder revolutioniert werden könne.

Wünsche und Gebete in Pforta
In der Kirche der Landesschule Pforta gibt es diese Wand für Wünsche und Gebete

An der Stelle frage ich, wie sie die aktuelle politische Situation einschätzen würden. Sind wir schon in einer vergleichbaren kritischen Situation. Die Schülerinnen erzählen, dass sie sich seit Obama mit amerikanischer Politik beschäftigen. Das sei so ein positiver Aufbruch gewesen und jetzt habe man den Eindruck alles werde um Jahrhunderte zurückgedreht.

Bei der ersten Flüchtlingswelle hätte sich Deutschland noch als menschenfreundliches Land gezeigt und jetzt sei die Stimmung ins Negative gekippt. Dabei gäbe es durchaus unterschiedliche Positionen unter den Schüler*innen. Zwar könnten sie sich nicht vorstellen, dass Mitschüler*innen Trump mögen würden, aber es gäbe welche, die die AFD nicht so schlimm fänden.

Bei diesem Thema spricht uns Katja direkt an. Sie findet, dass die Kirche zu wenig Flagge gegen die AFD zeige. Sie müsse klarer Stellung beziehen, fordert sie. Auf keinen Fall solle sie der AFD Podien bieten. Gespräche würde sie aber auch nicht ausschließen.

Auf die Frage, was sich ändern müsse, wünscht sich Katja als Frau Papst werden zu können. Rebekka bedauert, dass der Sozialkundeunterricht zu kurz komme. Das sei ein Randfach und falle deshalb immer als erstes aus. Dabei müssten Jugendliche viel eher politisiert werden, politische Kenntnisse erwerben, verstehen, wie Dinge zusammenhängen und wie man Nachrichten auseinander nimmt, um ihren Wahrheitsgehalt zu erkennen. Paula ergänzt, dass sie in Sozialkunde an ihrer alten Schule nur gelernt habe, was strukturiertes Mobbing kennzeichnet.

Sie wünschen sich, dass das Wahlalter heruntergesetzt wird. Schließlich käme die politische Weisheit nicht mit dem 18. Geburtstag. Es gäbe sehr wohl Jugendliche, die Politik gut verstehen, während auch viele Wahlberechtigte, sich nicht damit beschäftigen würden. Vertretungen junger Menschen, z.B. die Schülervertretungen, seien im Prinzip gut, es käme aber am Ende meist zu wenig raus. Insgesamt hätten sie als Jugendliche oft das Gefühl, sowieso nichts verändern zu können.

In Schulpforta, wo Schüler*innen aus vielen Bundesländern gemeinsam lernen, merke man besonders, wie unterschiedlich die Schulsysteme sind. So kam Paula mit einem halben Jahr Chemie an die Schule, während andere schon vier Jahre Unterricht hatten.

Schule solle überhaupt besser aufs Leben vorbereiten. Paula fand es zum Beispiel gut, dass sie an ihrer alten Schule gelernt hat, wie man Überweisungen macht. Ebenso wichtig sei es, zu lernen, Bewerbungen zu schreiben. Wenn das Lernen für den Alltag nur Aufgabe der Eltern sei, dann würden auch in diesem Bereich die sozialen Unterschiede eine entscheidende Rolle spielen. Das fänden die drei nicht gut, gerade weil sie eher zu denen gehören, die schon privilegiert sind.

Peter Herrfurth und mir – und dem Anschein nach auch den Schülerinnen – hat das Gespräch viel Freude bereitet und wir haben gleich noch eine Beratung bekommen, wie wir als Evangelische Jugend und als Jugendverband mit der AFD am besten umgehen sollten. Um diese Schülerinnen ist uns nicht bange. Hängen geblieben ist aber auch die Aussage, dass sie trotzdem nicht das Gefühl haben, etwas ändern zu können.

  1. Pingback: Hölzerne Wurzeln, Reformation und politische Bildung – Luthers Kinder

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