Allgemein Evangelische Akademie Thüringen

Kindern und Jugendlichen Beteiligung ermöglichen

Im Vorraum des KUNSTPavillons in Eisenach rotiert eine Plattform, auf der Peter Schäfer, der Betreiber des Pavillons und seines Zeichens Künstler und Metallmeister, einige seiner Plastiken und Metallarbeiten ausstellt. Früher einmal drehten dort die neuesten Modelle der Wartburg-Automobile ihre Runde. Damals, als das Gebäude noch Ausstellungspavillon des Automobilwerks Eisenach (AWE) war. Am 6. April waren wir hier zu Gast für eine öffentliche Gesprächsrunde. Gemeinsam mit Viola Stephan, der Jugendamtsleiterin von Eisenach, und Christian Hirte, Bundestagsabgeordneter der CDU in Thüringen, diskutierten wir zur Frage: „Wie können wir Kindern und Jugendlichen Beteiligung an der Gestaltung der Region ermöglichen?“

Fragt man nach den Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen, so ist das auch eine Frage, inwieweit sich diese Bedingungen generationell gewandelt haben. Eingangs beschreibt Christian Hirte so, welche prägende Wirkung die Zweistaatlichkeit von BRD und DDR auf die Lebensentwürfe junger Menschen damals hatte. Heute jedoch spiele diese Erfahrung kaum noch eine Rolle im Lebensalltag von Kindern und Jugendlichen; Lebenswege gestalten sich als vielseitiger, mit all ihren Angeboten und Möglichkeiten, und sind nicht länger von staatlicher Seite vorgeschrieben.

Wesentliche Bedeutung für die Gestaltung dieser Lebenswege hat indes, damals wie heute, die Schule, so Viola Stephan. Für die Zukunft müssten wir uns dazu stets fragen, wie sich Schule inhaltlich aktuell gestaltet und welche Auswirkungen das auf die Kinder und Jugendlichen habe. Herausforderungen und Problematiken für die aktuelle und zukünftige Gestaltung von Schule sieht Viola Stephan insbesondere im Bereich der Inklusion und Integration, nicht nur, aber auch im Hinblick auf Geflüchtete: „Da muss auch Schule, das Schulsystem, die Bildungslandschaft noch eine Menge beitragen, dass wir das halbwegs hinkriegen“.

Welche konkreten Möglichkeiten der Beteiligung bietet die Stadt Eisenach Kindern und Jugendlichen? Seit Ende der 90er Jahre gibt es in Eisenach eine Kinderbürgermeisterin, also eine Kinderbeauftragte, deren Aufgabe es ist, städtische Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder zu schaffen. Dazu gehören Aktionen wie die Kinderkulturnacht, in der es auch um Bildung außerhalb von Kita und Schule geht: Museen und andere kulturelle Einrichtungen bieten dort Programm für Kinder. Jugendliche Beteiligung findet unter anderem in vier Einrichtungen der offenen Jugendarbeit unterschiedlicher Träger statt: Die Stadt betreibt die ‚Alte Posthalterei‘, es gibt das ‚Eastend‘ der AWO, das ‚Nordlicht‘ der Diako sowie eine Einrichtung des CVJM. Schülersprecher der Schulen treffen sich darüber hinaus regelmäßig mit Jugendamtsmitarbeitern und besprechen aktuelle Anliegen; ferner sind Netzwerke im Bereich früher Hilfen und Kinderschutz entstanden, sowie im Bereich der Hilfe für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Kinder und Jugendliche in Familien mit Migrationshintergrund. Dort wird unter anderem über Möglichkeiten der Sozial- und Berufsberatung oder Sprach- und Integrationskurse gesprochen, um so Plattformen für Beteiligung und Integration zu schaffen. Für Viola Stephan sind Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit dieser Beteiligungsmöglichkeiten im Alltag junger Menschen wichtig, die allerdings „teilweise auch durch den Spagat zwischen dem Bedarf und ökonomischen Kennziffern in Frage gestellt“ werde. Sie selbst habe das Problem, dass Jugendprogramme aus finanziellen Gründen schwerer umzusetzen sind, in Eisenach jedoch nicht.

Zu jugendpolitischer Beteiligung gehört jedoch, nicht nur Angebote der Gestaltung bereitzustellen, sondern auch das Interesse bei Jugendlichen zu wecken, sich politisch engagieren zu wollen. Ein Stichwort, das in diesem Kontext häufig diskutiert wird, ist die ‚Politikverdrossenheit‘. Für Christian Hirte ist dies weniger Verdrossenheit, sondern eine nicht stark ausgeprägte Interessenlage hinsichtlich politischer Themen, die sich bei einem Großteil der Bevölkerung, bei Kindern und Jugendlichen noch stärker als bei Erwachsenen, zeige. Mit politischen Fragestellungen beschäftige man sich insbesondere dann, wenn sie das eigene Leben direkt beträfen. Ansonsten stünden für Jugendliche Themen im Vordergrund, die näher am persönlichen Lebensalltag lägen, beispielsweise die Vorbereitung auf die nächste Klassenarbeit oder einen Sportwettkampf. Dies sei jedoch normal. Man müsse also „wo es möglich ist, Chancen nutzen, um deutlich zu machen, wo Politik ganz konkret […] Folgen für das Leben jedes Einzelnen hat“ – sei es in der kommunalen, in der Kreis- oder Bundespolitik. Insbesondere auch im Hinblick auf die Vielzahl von Möglichkeiten, denen Jugendliche heute in Schule, Beruf und Freizeit begegnen, gewinnen jene Strukturen und Angebote in Jugendhilfe und (schulischer wie außerschulischer) Jugendbildungsarbeit weiter an Bedeutung, die Orientierung für Lebensentwürfe von Kindern und Jugendlichen bieten können. Eine Hauptaufgabe von Schule, Gesellschaft, Eltern und Politik sieht Christian Hirte darin, junge Menschen zu ertüchtigen, die richtigen Auswahloptionen für sich treffen zu können und ihnen Ideen zu geben, wo und wie sie sich für das eigene Leben aufstellen können.

Im Gespräch mit Viola Stephan und Christian Hirte

Wir sprechen auch darüber, wie Kindheit, Jugend, Jugendpolitik und Beteiligung eigentlich zu definieren sind, will man sich mit den Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen und ihren Beteiligungsmöglichkeiten beschäftigen. Eine Bestimmung nach Altersgruppen, wer nun jugendlich oder noch Kind ist, scheint ob der Vielzahl verschiedener Definitionen schwierig – nicht zuletzt, da sich die Übergänge zwischen Kindheit und Jugend aufgrund unterschiedlichster Lebensentwürfe heute fließend und kaum einheitlich gestalten. Wenn wir nach Beteiligung fragen, so müssen wir aus Viola Stephans Sicht vor allem fragen: Woran wollen sich Kinder und Jugendliche und Jugend beteiligen? Man sollte sie genau fragen und sie sollten es auch genau benennen und begründen“. Denn anders sei Beteiligung nicht umzusetzen; wir könnten als Erwachsene nicht die Auffassung vertreten, wissen oder festlegen zu wollen, woran sich Jugendliche beteiligen wollten. Als Beispiel führt sie an, dass in Eisenach seit vielen Jahren scheitere, ein Kinder- und Jugendparlament einzurichten, da es mit der verfügbaren Zeit und den lebensweltlichen Interessen der Jugendlichen, wie Schule oder Engagement in Vereinen, bislang nicht vereinbar war.

Für Christian Hirte stellt sich diesbezüglich die Frage, ob wir von Pädagogik oder Mitentscheidung ausgehen, wenn wir über ‚Teilhabe‘ sprechen. Als Eltern, Erziehungsberechtigte und diejenigen, die in Jugendeinrichtungen tätig sind, müssten wir mit Kindern und Jugendlichen reden und ihnen realistische Optionen mitgeben sowie einen Entscheidungsrahmen aufzeigen, in dem sie sich bewegen können. Neben der Vermittlung von Rechten gehöre auch dazu, Verständnis von Pflichten und Verantwortung dafür mitzugeben, was es bedeute, wenn man etwas entscheiden dürfe. Ein Verständnis dafür also, dass man sich in Entscheidungen gegebenenfalls selbst beschränken oder Dinge tun müsse, die nicht immer Spaß machten. Teilhabe sei daher häufig auch Pädagogik, statt ‚echte‘ Mitbestimmung.

Ich versuche abschließend, die Gedanken aus unserer Gesprächsrunde mit Blick auf unsere Eingangsfrage etwas zusammenzufassen. Wenn wir von ‚Beteiligung‘ sprechen, so müssen wir klären, was wir damit meinen: Auf welchen Ebenen setzt diese an, von welchen Altersgruppen oder Kindheits- und Jugendphasen gehen wir aus und wie können wir diesbezüglich den Weg ebnen, Beteiligung zu ermöglichen? Es kommt dann darauf an, wie Beteiligung als Form von Teilhabe an der Gesellschaft strukturiert werden kann. Beteiligung wird so zu der Frage, in welchen konkreten Bereichen des Lebens von Kindern und Jugendlichen wir ansetzen wollen und müssen, um Heranwachsenden die Gestaltung ihres eigenen Lebenswegs zu ermöglichen. Wie also können wir als Gesellschaft, als Erwachsene, als Stadt und Region das umsetzen, was unmittelbar dem Bedarf und den Bedürfnissen junger Menschen entspricht? Dazu sollten wir uns weiter stets die Frage stellen, welche Rahmenbedingungen – wie z.B. Orientierungen, Freiraum und Regeln – nötig sind, um Wissen, Kompetenzen und Unterstützung für eigene Lebensentwürfe weiterzugeben, damit wir Kindern und Jugendlichen so Wegbegleiter sein können.

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