Allgemein Evangelische Akademie Thüringen

Jungen Menschen Würde geben – Im Gespräch mit Ulrich Töpfer, Meiningen

Jugendbildungsarbeit ist bewegend und beweglich, sie ist Zeuge und Begleiter gesellschaftlicher Entwicklungen und wandelt sich mit den Bedarfen und Bedürfnissen der jungen Menschen, denen sie gilt. Am frühen Nachmittag unseres Besuchs in Meiningen sind wir im Gespräch mit Ulrich Töpfer. Er ist Landesgeschäftsführer des Bundes Evangelischer Jugend in Mitteldeutschland (bejm) und Meiningens stellvertretendem Bürgermeister. Mit ihm sprechen wir über seine Erfahrungen und Einschätzungen zu langjähriger Jugendbildungs- und Jugendverbandsarbeit.

Wie also hat sich Jugendbildungsarbeit in Thüringen in den letzten Jahren verändert? In der Jugendverbandsarbeit seien vor allem kontinuierliche Angebote weggebrochen, andererseits ermögliche die Förderung heute vielseitigere offene Projekte für Jugendliche. Es käme jedoch stark darauf an, wie sehr von der Antragsstellung Gebrauch gemacht werde. Die Kirche agiere zurückhaltender, was die Beantragung von Fördermitteln angehe. Der Auftrag der Jugendverbandsarbeit sei daher besonders, die jugendpolitische Arbeit vor Ort weiter zu stärken. Die Jugendarbeit müsse weiter Verantwortung dafür übernehmen, gesellschaftliche Rahmenbedingungen für und durch junge Menschen mitzugestalten. Es müsse weiter an Vernetzungstreffen kirchlicher und nicht-kirchlicher Institutionen innerhalb Thüringens und Sachsen-Anhalts gearbeitet werden, um Netzwerkarbeit beispielsweise zwischen Jugendringen und Diakonie auch auf Landkreisebene zu befördern.

Eng mit der Frage des Wandels ist die Frage verbunden, wie (kirchliche) Jugendbildungsarbeit vor und nach der Wende war. Eine Frage nach Bedingungen, die sich für jemanden wie mich, der kurz vor der Wende geboren wurde, zunächst nur erahnen lassen. Uli Töpfer erklärt, dass kirchliche Jugendbildungsarbeit vor 1989 die einzigen nicht-staatlichen Bildungsangebote für Jugendliche erbracht habe, im außerschulischen Bereich durch die Jungen Gemeinden. Sie seien damit für junge Menschen ein Stück Zuflucht und Lebensraum gewesen, der sich kirchlichen wie nicht-kirchlichen Themen unter dem Anspruch von Frieden, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung näherte. Heute sei es ein Angebot unter vielen, wobei die außerschulische Jugendbildung jedoch sehr gut angenommen würde. Das Gruppenerlebnis und die Inhalte sowie konkrete Aufgaben und Ziele, die Gruppen in der außerschulischen Jugendbildung gestellt werden, seien für die Bildungsangebote besonders wichtig.

Wie kann Jugendbildungsarbeit heute und in Zukunft weiter gelingen? Für Uli Töpfer ist die Authentizität eines Jugendbildungsreferenten / einer Jugendbildungsreferentin ausschlaggebend, insbesondere bei christlichen Inhalten. Man solle nicht mit einem vordefinierten Ergebnis, das es zu erreichen gilt, in die Arbeit gehen, sondern gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen selbstbestimmte Ergebnisse aushandeln und finden. Damals wie heute sei zudem eine solide Ausbildung wichtig. Und: „Du musst dafür brennen“. Zur Authentizität der Referent*innen gehört hier auch eine gute Portion Hingabe zur Jugendarbeit, der Funke und die Überzeugung, mit der Arbeit etwas für und mit jungen Menschen erreichen zu wollen und zu können. Denn Jugendarbeit sei Beziehungsarbeit. Man müsse es schaffen, den Jugendlichen ein Stück Heimat zu geben.

Neben dieser Überzeugung und Grundhaltung müsse zukünftig insbesondere die finanzielle Unterstützung für die Jugendarbeit besser werden, um weiter verlässliche und kontinuierliche Bildungsangebote bieten zu können. Hier gelte es, langfristig weiter die Institutionen zu stärken, die Bildungsarbeit leisten, Förderung also stärker institutionsbezogen als projektbezogen anzusetzen. Ideell müsse weiter am Verständnis des Stellenwerts gearbeitet werden, den Jugendverbands- und Jugendbildungsarbeit als Lernorte und -räume der Demokratie einnehmen. Denn wesentliche Grundverständnisse von Demokratie und friedlichem Miteinander würden für junge Menschen dort, in der Jugendarbeit, gelegt.

Wir sprechen auch darüber, was heutzutage die größten Herausforderungen sein könnten, vor denen Kinder und Jugendliche mit dem Aufwachsen in unserer Gesellschaft stehen. Uli Töpfer nennt die Vielfalt der Angebote und Entscheidungen, mit denen Heranwachsende heute konfrontiert werden, sei es in Schule und Berufswahl, bei den Medien oder auch Konsumgütern. Welche Produkte kaufen, wie mit Nachrichten und Informationen umgehen? Für die Jugendlichen bestehe hier das Risiko der Überforderung in manchen Lebenslagen. Anders als noch in der DDR sei der Lebensweg von Kindern und Jugendlichen heute nicht mehr vorgezeichnet. Vielmehr haben sie es mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen zu tun, aus denen sie den für sich geeigneten Weg wählen müssen. Aufgabe der Jugendbildungsarbeit solle hier sein, Kinder und Jugendliche auf diesem Weg zu begleiten sowie Kompetenzen und ihre Entwicklung hin zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten zu unterstützen.

Für Uli Töpfer liegt der Schlüssel der Jugendbildungsarbeit darin, jungen Menschen Würde zu geben. Würde, das heißt, sie anzuerkennen, auf sie zuzugehen, sie in ihrer Persönlichkeit und als selbstbestimmte Menschen anzunehmen, zu achten und zu bestärken, und nicht als „Problem- oder Hilfefälle“ zu sehen. Denn Begleitung sei in der Gesellschaft noch zu gering ausgeprägt.

Ich frage noch, ob er mir die aus seiner Sicht drei wichtigsten Faktoren nennen könne, um Kindern und Jugendlichen Beteiligung zu ermöglichen. Es müsse zum einen Gestaltungsräume für junge Menschen geben, die erfolgsunabhängig sind, also auch Scheitern zulassen und erlauben. Zum anderen bedarf es Empathie, um jungen Menschen Partner auf ihrem Weg sein und sie begleiten zu können. Und schließlich, und wohl am wichtigsten, müssen sie ernst genommen werden in ihren Interessen, Wünschen, Anliegen und Bedürfnissen.

Als ich mein Notizbuch an diesem Tag in Meiningen schließe, ist es um acht Seiten Notizen aus spannenden Gesprächen rund um die Jugendbildungsarbeit reicher, in die ich hier nur einige Einblicke geben konnte. Auf diesem Wege nochmals herzlichen Dank an Uli Töpfer, der uns auf interessanten und geschichtenreichen Wegen durch die Stadt führte, an seinen Erfahrungen teilhaben ließ und unsere Gesprächstermine vor Ort organisiert hat.

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