Allgemein Evangelische Akademie Meißen

Jugendpolitik & Suche nach „Jugendnähe“ auf dem Rochlitzer Berg

„Lebensgefahr!“ „Absturzgefahr!“ „Verlassen Sie nicht den Weg!“ Diese Schilder sind überall rund um unseren Treffpunkt zu lesen. Gemeinsam mit Wencke Trumpold, Geschäftsführerin des Kinder- und Jugendring Sachsen e.V. habe ich mich zum Gespräch am Rochlitzer Berg und den dort entlangführenden Lutherweg mit Alexander Dierks verabredet. Er ist der jugendpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag. Da durch seinen Wahlkreis nicht der Lutherweg führt, schlug Alexander Dierks diesen Ort vor. Geplant war, zunächst zusammen bei einem Kaffee ins Gespräch zu kommen und anschließend noch ein Stück auf dem Lutherweg miteinander zu laufen. Doch es kam anders. Bei wunderbarem Sonnenwetter trafen wir uns spontan auf dem „Friedrich-August-Turm“, von wo aus wir eine wunderbare Sicht über die Steinbrüche hinweg über weite Regionen Sachsens hatten. Kaum hatten wir uns auf der Aussichtsplattform begrüßt, sind wir auch schon mitten in einem interessanten und wunderbaren Gespräch, streifen viele Themen rund um die Arbeit eines Parlamentariers aber auch den Lebenswelten von Jugendlichen und der Funktion von Jugendpolitik. Nach einer ganzen langen Zeit hatten wir es dann doch zumindest geschafft, vom Turm hinabzusteigen und bei dem verabredeten Kaffee weiter im Gespräch zu sein – aber aus Zeitgründen dann doch nicht mehr miteinander zu laufen.

„Lebensgefährlich“ sei die Aufgabe des jugendpolitischen Sprechers keinesfalls. Vielmehr würde sie zu den Funktionen in einer Fraktion zählen, für die sich nicht sehr viele Abgeordnete äußerst engagiert interessiert zeigen. Doch seit er die Aufgabe ausfülle und sich in die Thematik intensiv eingearbeitet habe, schätze er nicht nur die Besonderheit der Themenfelder, sondern auch die vielen interessanten Begegnungen und Fachgespräche. Schnell habe er verstanden, dass nur Augenhöhe und Kooperation mit den Akteuren auch Vertrauen in politische Prozesse und Entscheidungen schafft. So sehr, dass dies als ein notwendiger politischer Stil von Alexander Dierks geworden zu sein scheint. Im Gespräch wird uns gemeinsam eine Parallele deutlich, sie drängt sich geradezu auf: Die Akteure und Fachkräfte der Jugendarbeit sind auf eine Verlässlichkeit von Politik angewiesen, in gleichem Maße, wie Kinder und Jugendliche auf eine Verlässlichkeit durch die sie begleitende Fachkräfte angewiesen sind. Diese Art eines Kommunikationsverständnisses scheint ihm wichtig, auch um aus Entwicklungen in den zurückliegenden Jahren, in denen empfundene Intransparenz bei vorgenommenen fiskalischen Einschnitten ein bis heute zu spürendes Misstrauen hat wachsen lassen, einen anderen Gestaltungs- und Entscheidungsprozess entstehen zu lassen. Wir diskutieren in der Folge den Spagat von Beteiligung ermöglichen einerseits und daraus entstehenden Erwartungshaltungen (und dann möglichen folgenden Enttäuschungen) bei den Beteiligten andererseits. Ein Spagat, den es wohl auszuhalten gilt, aber der zugleich transparent zu kommunizieren und professionell zu gestalten ist.

Wann begegnet ein jugendpolitischer Sprecher in seinem Alltag eigentlich Jugendlichen und Fachkräften der Jugendarbeit? Abgesehen von den Besuchen der Schulklassen aus seinem Wahlkreis, die stetig organisiert in den Landtag kommen, scheint Dierks vor allem aus eigener Motivation diesen Kontakt herstellen zu müssen. Durch seine sonstigen Termine und Begegnungen in seinem Büro begegnet er Jugendlichen nicht. Also sucht er sich selbst Wege, um konkrete Berührungspunkte und einen Austausch mit einer Art Querschnitt der Gesellschaft und eben auch Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Dazu gehören nicht nur Ehrenämter wie bspw. Engagement im Jugendhilfeausschuss, sondern auch ganz konkrete Begegnungen mit Jugendlichen, gerne auch mit denen, die sich in besonderen Lebenslagen befinden. Dabei macht Dierks die Beobachtung, dass Jugendliche meinen nicht auf Begegnungen mit Politiker*innen angewiesen zu sein, da sie sich vielmehr mit ihrer eigenen konkreten Lebenssituation auseinandersetzen. Gleichzeitig beobachtet er, dass ihm (nicht nur) Jugendliche mit viel Respekt begegnen, der aber oft einer entspannten Kommunikation entgegensteht.

Scrabble Alexander Dierks

Über Jugendpolitik selbst haben wir viel gesprochen. Ein paar wichtige Gedankengänge möchte ich versuchen kurz festzuhalten: Jugendpolitik wird ihm zu oft als Jugendhilfe („Abstellen der Probleme bei Jugendlichen“) verstanden. Vielmehr plädiert er sehr für den Ansatz der Eigenständigen Jugendpolitik, welcher in Sachsen auch immer mehr Beachtung findet. Er unterstreicht, dass diese Form von politischer Arbeit bedeuten würde, endlich über alle Jugendliche zu reden, nicht nur über die Schwierigkeiten bei einer Minderheit. Und somit sich mit der Frage auseinanderzusetzen, dass die Chancen für eine Selbstverwirklichung allen eröffnet werden müssen. Dabei hat er die Erfahrung gemacht, dass Politik eben nicht einfach ist, sondern kompliziert, schwierig und Diskurse auch einmal länger dauern dürfen, damit Entscheidungen überhaupt möglich werden. Im Verlauf des Gespräches sind folgende verschiedene Wahrnehmungen deutlich geworden, die Alexander Dierks in Entscheidungsprozessen beschäftigen und begleiten: im ländlichen Raum wird vieles noch durch ehrenamtliche Arbeit gewährleistet, was in den Städten mittlerweile nur noch durch öffentliche Mittel finanziert und damit sichergestellt werden muss. Jugendpolitik muss in hohem Maße auch auf vielfältige Probleme reagieren, welche konkret in Familien verankert zu sein scheinen. Auch Jugendpolitik kann nur mit einem volkswirtschaftlichen Argument gestaltet werden, dabei gilt es Bewahrenswertes zu bewahren und gleichzeitig Probleme zu lösen. Auch an dieser Stelle wird deutlich, dass tatsächliche Eigenständige Jugendpolitik eine Gestaltungs- wie auch Reformbereitschaft aller Akteure notwendig macht. All diese Perspektiven hätten es gelohnt, den Austausch fortzusetzen und Positionen miteinander abzuwägen.

Mein Eindruck ist, dass dieses Gespräch einen vertiefenden und anderen Einblick ermöglicht hat und ich bin froh, dass wir miteinander die Gelegenheit dafür genutzt haben. Doch nach dem Gespräch hatte ich noch nicht genug. Ich bin auf dem Lutherweg weiter gelaufen und unverhofft hatte ich mehr Zeit als mir lieb war, um mich mit der Ausrichtung, Gestaltung und Qualität von Eigenständiger Jugendpolitik in Sachsen auseinanderzusetzen. Doch dazu schreibe ich in einem anderen Blog-Eintrag mehr.

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