Allgemein Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands e.V.

Jugendarbeit in Ostthüringen – Vom Drahtseilakt einer tatkräftigen Pfarrerin

Man könnte meinen, ein einfaches Café in Jena sei kein besonderer Ort anlässlich des Gesprächs, das wir hier führen wollen. Mich begleitet Heidrun Stiller, eine erfahrene Mitarbeiterin des Jugendmigrationsdienstes und seit 1969 aktiv in der Kinder-und Jugendarbeit im Saal-Orla-Kreis (SOK) tätig. Der flächenmäßig drittgrößte Landkreis im Südosten Thüringens steht im Besonderen bei der Gestaltung der Jugendarbeit vor großen Herausforderungen.

Zusammen mit Frau Stiller habe ich heute die Möglichkeit, zwei weitere Akteure der Kinder-und Jugendarbeit im SOK kennenzulernen und mir von ihnen einen Einblick in die zukünftigen Entwicklungschancen von jungen Menschen in ihrer Region geben zu lassen.

Eine dieser Personen ist die Pfarrerin Hermine Fuchs.

Es ist Montag. Ihr einziger freier Tag. Dennoch nimmt sie sich Zeit, sich hier mit uns zu Treffen. Warum also ein Café und nicht ein Spaziergang entlang des Lutherweges, in dessen Nähe wir uns befinden? Um dieser vielbeschäftigten Frau eine Pause zu gönnen. Ein Durchatmen zwischen einem Berg von Terminen. Ihrer Pfarrstelle unterstehen immerhin 14 Ortschaften, die sie allein betreut, welche in den kommenden vier Jahren sogar noch auf 22 Gemeinden anwachsen. Ein Kontingent, das für einen allein zur enormen Herausforderung wird. Ich frage Sie nach ihren Tätigkeiten.

Sie setzt ein konzentriertes Gesicht auf, als sie mir Einiges aufzählt. Zu Gottesdiensten, Beerdigungen und Taufen gesellen sich nicht nur Krankenhausbesuche, Geburtstage von Gemeindemitgliedern und der Konfirmandenunterricht, sondern auch umfangreiche Verwaltungsaufgaben. Mit zwölf unter anderem baufälligen Kirchen, acht Friedhöfen und zwei Waldgrundstücken, ist sie nicht nur Sachbearbeiterin, die Bauanträge für Restaurationsarbeiten stellen muss, sondern kümmert sich auch um den Forstbetrieb und den Verbiss von neuen Baumpflanzungen.

Doch den Mittelpunkt, den die Liebe zu ihrer Arbeit ausmacht, ist die soziale Komponente, die Arbeit mit Menschen. Dabei agiert sie als Vertrauensperson, die die Verantwortung für die Seelsorge hunderter Menschen aller Generation in ihren fünf Kirchgemeinden vereint. Welchen Stellenwert kann bei dieser Arbeitsbelastung eine kirchliche Jugendarbeit überhaupt noch einnehmen? Pfarrerin Fuchs unterbricht ihre lockere Erzählweise und wird kurz ernst. Sie spricht über die schwer zu erkämpfenden Freiräume in der Arbeit mit jungen Menschen.
Bei einer Zeit von nur 16 Stunden am Tag, gibt sie zu bedenken, welche Wege die Kinder und Jugendlichen teilweise auf sich nehmen, um die Schule zu besuchen, die den Großteil ihres Tagesablaufes einnimmt. Dies ist in dem Flächenlandkreis wie dem Saale-Orla-Kreis kein unerheblicher Faktor. Hinzu kommen Vereinstätigkeiten wie Fußball oder auch verschiedene Arbeitsgemeinschaften. Wo bleibt dann noch Zeit für die individuelle Entfaltung? Wo sind der Entdecker- und Freizeitdrang hin verdrängt? Oder, um es prägnant zu sagen: Wann sind diese Kinder noch Kinder?

Nur weil sie sich diese Fragen vor Augen führt, ist Pfarrerin Fuchs Motivation in diesem Bereich besonders ausgeprägt. In ihren Augen ist die Individualisierung und vereinzelt auch Entwurzelung junger Menschen in ihren Gemeinden eine zunehmende Schwierigkeit. Immer seltener wird nach ihrer Einschätzung Kindern und Jugendlichen christliche Wertetradition, Kultur oder eine religiöse Identität vermittelt. Soziale Spannungen mit den wenigen Migranten in Ostthüringen und ihrer Region könnten durch das Zusammentreffen mit Menschen mit einem (gefestigten) anderen kulturellen oder religiösen Werteverständnis entstehen.

Hier sitzt uns eine Frau gegenüber, die trotz aller Widrigkeiten mit Freude ihre Arbeit macht. Sie möchte nicht nur im Büro sitzen, sondern sich um das Wohl der Menschen in ihren Gemeinden kümmern. Das scheint im Jahr 2017 immer schwieriger.

Wir brechen zusammen aus dem Café auf und spazieren für ein kurzes Foto zum nahegelegenen Marktplatz in Jena.  Dort befindet sich eine Bronzestatue von Johann Friedrich I., welcher für seinen Einsatz in der Reformation und als Gönner Martin Luthers bekannt war. Auf dem Weg verrät sie uns Ihr ’Rezept’ für die richtige Balance bei diesem Drahtseilakt zwischen bürokratischer Arbeitsbelastung und ihrer dadurch knapper werdenden Zeit für einen hingebungsvollen Dienst am Menschen: Ein motiviertes und vor allem strukturiertes Arbeiten. Worauf sie, wie sie uns mitteilt, dabei mit einem lachenden Auge verzichtet? Ein Privatleben.


Pfarrerin Hermine Fuch, Heidrun Stiller und Johann Friedrich I. in Jena.