Entlang des bayerischen Lutherwegs im Coburger Land liegt die Kurstadt Bad Rodach. Zwar war Martin Luther nie persönlich dort, jedoch wurde hier ein Verteidigungsbündnis verschiedener protestantischer Abgesandter geschmiedet, um einen drohenden Krieg zu verhindern.

In der beschaulichen Kleinstadt bin ich mit Tobias Ehrlicher verabredet. Herr Ehrlicher ist dort seit fünf Jahren Bürgermeister und war bei seinem Amtsantritt 2012, mit 25 Jahren, einer der jüngsten Bürgermeister Deutschlands. Mich interessiert seine Sicht auf die aktuellen Herausforderungen von Jugendlichen. Aufgrund seines Alters und der damit verbundenen Nähe zu jungen Menschen, hat er vielleicht noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Problemstellungen im Jugendalter als seine Amtskollegen.

Gleich zu Beginn des Gespräches geht es um das Thema „Umgang mit Medien und Medienkompetenz“. Wieviel Mediennutzung ist vertretbar und welche Rolle bei der Förderung von Kompetenzen im Umgang mit Medien spielt die Institution Schule dabei? Bürgermeister Ehrlicher hat dazu eine klare Meinung, obwohl er als Kommunalpolitiker keinen Einfluss auf das Unterrichtsgeschehen hat. Neue Medien sind aus dem Leben von jungen Menschen nicht mehr wegzudenken. Ein verantwortungsvoller Umgang unerlässlich. Um diesen zu erlernen bedarf es auch der Unterstützung von schulischer Seite. Er spricht sich für ein Unterrichtsfach aus, das die Stolperfallen der Digitalisierung aufgreift und Kernkompetenzen in diesem Bereich vermittelt. Auf der anderen Seite spricht er davon, dass das „richtige“ Leben nicht im Netz, sondern draußen in der Realität stattfindet. Den übermäßigen Medienkonsum empfindet er als eine Gefahr, die zu einer zunehmenden Entfremdung im sozialen Miteinander führt.

Luthers Kinder, Tobias Ehrlicher

Auch auf das derzeitige allgemeine Bildungssystem hat er einen durchaus kritischen Blick. In Zeiten von G8 fehlt es Kindern und Jugendlichen an Möglichkeiten ihre Freizeit selbstbestimmt zu gestalten. Wichtige Freiräume werden ihnen durch eine ganztätige Beschulung genommen und lassen sie nicht mehr Kinder und Jugendliche sein. Der dazugehörige Leistungsdruck, der unter anderem auch von den Eltern ausgeübt wird, tut sein Übriges. Insbesondere in einer Region in der Landesgrenzen aufeinander treffen, verschärft sich die Problematik, die der Bildungsföderalismus mit sich bringt. In Zeiten in denen von Arbeitnehmer*innen eine hohe Flexibilität und Mobilität abverlangt wird, sind landesbezogene Schulsysteme eher hinderlich als förderlich. „Es sollte in Deutschland ein einheitliches Bildungssystem geben, das wäre mir wichtig, dass sich da mal etwas tut.“ meint Ehrlicher.

Bad Rodach ist eine Kleinstadt mit ca. 6400 Einwohnern und hat dementsprechend eher ein übersichtliches Angebot an Musik- und Tanzveranstaltungen für junge Menschen. Da hilft auch die Nähe zu Coburg nur bedingt, wenn der letzte Zug um 00:35 Uhr fährt. Um den Jugendlichen trotzdem die Möglichkeit zu geben am Coburger Nachtleben teilzunehmen, wurde auf Initiative der Stadt kurzerhand der „Partybus“ ins Leben gerufen. Mit diesem Angebot können Jugendliche selbst angeben, welche Veranstaltungen sie besuchen möchten und dort gemeinsam mit einem eigens dafür bestellten Bus hinfahren.

Öffentliche Beteiligungsstrukturen, wie beispielsweise ein Kinder- und Jugendparlament, sind in Bad Rodach nicht vorhanden. Jedoch bestehen gute Verbindungen zur örtlichen Jugendpflege, über die es eine Kommunikation zwischen der Stadt und den Jugendlichen gibt. Die Bedürfnisse junger Menschen ernst zu nehmen scheint ein Anliegen zu sein. Dies wird deutlich in dem Projekte angestoßen werden, die den Bedürfnissen entgegenkommen. Beispiele dafür sind die Aufstellung einer Graffitiwand, die als Reaktion auf illegale Sprühereien in der Stadt  installiert wurde. Oder die Platzierung eines nicht mehr benötigten Bushäuschens als Unterstand für die örtliche Skaterbahn. Dazu gehört auch die Umsetzung eines Basketballkorbs, der scheinbar von den Planern gut gemeint, aber in seiner Umsetzung eher mangelhaft war. Auf einem Rasenplatz lässt sich einfach schlecht Basketball spielen.

Luthers Kinder, Tobias Ehrlicher

Die Anliegen von jungen Menschen, so scheint es mir in dem Gespräch, werden von Seiten des Bürgermeisters durchaus gesehen und wahrgenommen. Auch die verhältnismäßige Unkompliziertheit, mit der auf Wünsche und Bedarfe eingegangen wird, fand ich durchaus bemerkenswert. Herzlichen Dank an Bürgermeister Tobias Ehrlicher für das Gespräch.

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