Allgemein Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e.V.

Hölzerne Wurzeln, Reformation und politische Bildung

Blick von der Fähre Bad Kösen
Bahnhof Bad Kösen
Bahnhof Bad Kösen

Bad Kösen liegt malerisch im Saaletal. Allerdings ist es gar nicht so einfach den Ausgang vom Bahnhof zu finden. Es lässt sich nicht erkennen, ob das Bahnhofsgebäude saniert oder abgerissen wird.

Vor dem Bahnhof fährt ab und zu ein Auto lang. Dafür halten hier nicht wenige Züge. Pro Stunde drei richtig Naumburg, zwei nach Erfurt und einer nach Jena. Der ICE fährt natürlich nur durch.

Ich warte am Bahnhof auf Peter Herrfurth, den Landesjugendpfarrer der Ev. Kirche in Mitteldeutschland, der als Verantwortlicher der Jugendarbeit in dieser Kirche sicher auch spannende Blicke auf die Situation junger Menschen hat.

Fährkeule
Mit einer Fährkeule wird die Fähre an einem Stahlseil per Hand über die Saale gezogen.

Wir gehen durch den fast menschenleeren Kurpark und finden die Fähre über die Saale. Handbetrieben wird man hier mit Hilfe einer hölzernen Fährkeule übergesetzt. Die Fährfrau erzählt, dass man so etwas als „hölzerne Wurzel“ aus dem Lied „Jetzt fahr’n wir übern See“ kennt.

Auf der anderen Seite angekommen stehen wir fast direkt vor der großen Wand des Gradierwerks. Früher wurde hier Salz gewonnen. Ein kleines Stück weiter schauen wir uns das romanische Haus an, in dem Puppen von Käthe Kruse ausgestellt werden. Ab 1912 bis zur Umwandlung in einen Volkeigenen Betrieb wurden diese Puppen hier in Handarbeit hergestellt. Entlang der Saale und später des Nebenarms „Kleine Saale“ kommen wir an einem Supermarkt vorbei, an dem relativ viele Leute unterwegs sind, und verlassen das Städtchen.

Romanisches Haus in Bad Kösen
Romanisches Haus mit Kunsthalle und Käthe-Kruse-Puppenmuseum

Den Weg zwischen Wasser und Feldern nutzen wir um uns besser kennenzulernen und über das Konzept für das Konfirmandentreffen LUTHERSPASS ab 2018 zu sprechen. Schließlich gelangen wir nach Schulpforte und laufen direkt auf das ehemalige Zisterzienser-Kloster zu. Seit der Reformation wird das Kloster als Schule genutzt. Heute ist es als Landesschule Pforta mit Internat eine Einrichtung der Begabtenförderung in Sachsen-Anhalt.

Die gotischen Klostermauern beeindrucken bis heute. Wir umrunden das Gelände, folgen dem Eingang auf der anderen Seite gehen durch historische Gewölbe bis zum Kreuzgang und schauen uns die Kirche an. Ein guter Ort, um darüber zu sprechen, wie sinnvoll es ist, wenn Jugendmitarbeiter*innen in Gemeinden gleichzeitig die dieselben Jugendlichen in der Schule unterrichten. Wir finden eine Tafel, an die Wünsche und Gebete geheftet sind. Sind Wünsche und Gebete vergleichbar? Oder können Gebete mehr sein als das? Und brauchen sie unbedingt den Adressaten?

Pünktlich 16 Uhr werden wir von Katja und Rebekka erwartet. Später kommt noch Paula dazu. Sie berichten uns über ein Projekt, in dem sie die Entstehungsgeschichte ihrer Schule in der Reformationszeit filmisch darstellen. Außerdem kommen wir mit ihnen ins Gespräch darüber, was das für sie heute bedeutet. Zu aktuellen politischen Themen gäbe es schon sehr unterschiedliche Positionen unter den Jugendlichen. Allerdings kann sich Katja niemand vorstellen, der Trump mag. Sie beklagen, dass es wenig politische Bildung gibt und Jugendliche auch in Strukturen wie Schülervertretungen nicht wirklich beteiligt werden. Aber auch die Bildungsungleichheit finden sie nicht gut, auch oder gerade weil sie sich bewusst sind, zu denen zu gehören, die davon profitieren.

Wir verlassen das Klostergelände auf einem Wiesenweg entlang der kleinen Saale und rekapitulieren das Gespräch. Die Schülerinnen haben uns mit ihren reflektierten Einsichten beeindruckt. Sicher sind sie nicht repräsentativ für alle Jugendlichen. Peter Herrfurth berichtet, dass im Landesjugendkonvent, der Interessensvertretung Jugendlicher in der EKM, auch solche jungen Menschen säßen. Sie seien sprachfähig, würden über vieles nachdenken, ihre Probleme formulieren, aber auch die Schwierigkeiten anderer sehen. Gleichzeitig gibt es in der Kirche aber auch Sozialprojekte, wo sich um Jugendliche in Not gekümmert wird. Beides braucht es. Beide Zielgruppen haben aber auch sehr wenig gemeinsam.

Unterwegs auf dem Saaleradweg erreicht uns ein Anruf einer Pfarrerin aus einer Gemeinde mit rechtsextremen Betätigungsfeld. Wie in vielen Gemeinden gäbe es bei ihr viel Not und Einsamkeit, berichtet sie. Sie sei deshalb zu allererst Seelsorgerin. Wie jeder Pfarrer hat sie schöne und schwere Aufgaben. Sie freut sich, Menschen in den schwersten Momenten ihres Lebens zu begleiten. Politik von der Kanzel sei nicht ihr Ding. In ihren Predigten spräche sie aber wohl von ihren guten und schlechten Erfahrungen mit Flüchtlingen und sie verkünde die frohe Botschaft des Evangeliums, die dazu aufruft, sich um Menschen in Not unabhängig von ihrer Herkunft zu kümmern und Liebe statt Hass zu leben.

Mich beeindruckt, wie sie sich zuerst als Seelsorgerin sieht, ohne den Blick für die politischen Fragen zu verlieren.

Naumburger Dom
Naumburger Dom

Kurz nach dem Anruf taucht die Kulisse der Stadt Naumburg vor uns auf. Der Dom prägt das Bild. Wir finden den Weg zu unserer Pension und essen noch in einer Pizzeria zu Abend. Eine gute Gelegenheit, um mit Peter Herrfurth ins Gespräch auch über meine Bildungsansätze und ähnliche Konzepte an anderen Stellen der Jugendarbeit zu kommen. Meine Idee, mit Minecraft eine virtuelle Kirche aufzubauen, findet er zumindest erstmal spannend.

  1. Pingback: Pforta – Landesschule für Reflektierte und Privilegierte – Luthers Kinder

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