Allgemein Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands e.V.

Engagement bindet! Junge Menschen in der Region Pößneck – und ein Plädoyer für frischen Wind

Ein sonniger Tag, als Heidrun Stiller und ich von Jena weiterziehen in das Herz des Saale-Orla-Kreises. Unser Ziel ist der Ort Pößneck, die größte Stadt des Landkreises. Dieser bildet mit seiner beschaulichen Altstadt und mit einem der schönsten spätgotischen Rathäuser des Freistaates einen starken Kontrast zur Vielfalt der in das Stadtbild wie eingestreut wirkenden Abrissgebäuden. Die Stadt hat nach dem aktuellen Zensus 12 445 Einwohner und Einwohnerinnen. Der Anteil an jungen Menschen im Alter von 10-27 Jahr beträgt dabei über 2.200 ca. 18% der Bevölkerung. Der Gesprächspartner, den mir Frau Stiller vorstellen möchte, ist Stadtrat in Pößneck und ein “ehrenamtlicher Tausendsassa“, wie sie mir augenzwinkernd verrät.

In einer charmanten Pößnecker Eisdiele treffen wir auf Matthias Creutzberg, er ist zudem Vorsitzender des Vereins MITTENDRIN e.V., welcher sich die Förderung des christlichen und sozialen Lebens zum Ziel gesetzt hat. Die Eisdiele bietet sich an, da unser Gesprächspartner uns nur zwischen vielen Terminen Zeit einräumen konnte. Er arbeitet im Regionalbüro der CDU-Bundestagsabgeordneten Carola Stauche, die nach eigenen Angaben die Stärken der ländlichen Region im Tourismus und der “robusten Landwirtschaft“ sieht. Im Verein ist er ehrenamtlich tätig.

Der Verein bietet dienstags ein Freizeitangebot für 70 Schülerinnen und Schüler, das eine typische nachmittägliche Gestaltung vom Tischkicker bis hin zu geplanten Gemeinschaftsaktivitäten widerspiegelt. Freitags werden zusätzlich die verschiedensten Aktivitäten klassischer Jugendarbeit mit gemeinschaftlichem Kochen, musikalischen Projekten, kurzen Bildungseinheiten oder einfach ein Brett- oder Kartenspiel angeboten, an denen im Schnitt 40 Jugendliche teilnehmen. Der Verein finanziert sich ausschließlich über private Spenden und ist als freier Träger an keinen Dachverband angebunden. Nach Angaben von Creutzberg kommen ca. 1/5 aller Jungen und Mädchen im Mittendrin e.V. aus prekären sozialen Verhältnissen. Der Wichtigkeit der Kommunikationsmöglichkeiten für gerade diese Jugendlichen entspricht der Verein laut Creutzberg mit regelmäßigen Ansprechterminen.

Der Vereinsvorsitzende, der bisher sein bestelltes Eis selten beim Erzählen außer Acht ließ, unterbricht nun den beiläufigen Genuss. Er erläutert uns anschaulich, wie bei manchen dieser Jugendlichen mit einfachsten Dingen, wie einem Essen in familiärer Atmosphäre begonnen werden muss, da ihnen die Möglichkeit verwehrt bleibe, in einem geschützten Familienverhältnis aufzuwachsen. Der richtige Umgang in einem Gespräch sei es, so Creutzberg, Geduld zu haben und vor allem zuzuhören. Die Jugendlichen müssen sich verstanden fühlen, dann hat der Jugendarbeiter seine wichtigste Eigenschaft erfüllt. In Pößneck, führt Creutzberg weiter aus, sind die Chancen Räume für solche Jugendlichen zu schaffen noch höher, da die Jugendclubkultur hier noch gesund zu sein scheint. In den umliegenden Gemeinden des Landkreises sieht es mit einer Vielzahl von Schließungen schon anders aus.

Wie auch Hermine Fuchs fordert Creutzberg von der Politik eher institutionell beziehungsweise strukturell zivilgesellschaftliche Organisation, anstatt nur projektbezogen – und somit mit hohem bürokratischem Aufwand verbunden – zu fördern. Auch in der Jugendarbeit müsse noch Einiges getan werden. Evangelische Jugendarbeit begleitet die Jugendlichen bis zu ihrer Konfirmation. Doch was geschieht danach? Eine Förderung der Jugendarbeit darüber hinaus ist nicht vorgesehen. Creutzberg macht uns deutlich, dass es dringend nötig wäre, die Jugendarbeit der Region weiter auszubauen und somit die Umgebung für einen Erhalt des jugendlichen Nachwuchses stark zu machen. Eine Maßnahme, die er als gut erachten würde, wäre die Beschäftigung eines Jugendpastoren, der eine altersgerechte Religions- und Wertevermittlung ermöglichen könne, denn die Jugendlichen kommen durchaus gern zum Gottesdienst. Eine Reformation müsse her, ist wohl die deutlichste Aussage in seinen Ausführungen. Junge Leute müssen genauso in die Gemeindeaufgaben miteingebunden werden, um in alten Strukturen einen frischen Wind wehen zu lassen. Die bisherige Tradition ließ dahingehend wenig Chancen zu. Der Pfarrer sollte nicht zeitgleich als Vorsitzender des Gemeinderates dienen, um eine flexiblere Kooperation beider Bereiche zu ermöglichen. Durch jüngere Mitglieder im Gemeinderat soll Pößneck auch wieder für junge Leute attraktiv gestaltet werden.

Besser, und dies ist ein Punkt, der uns besonders im Gedächtnis bleibt, könne Kirche kaum gestaltet werden, als eine Verbindung zwischen den Generationen zu schaffen. Dies würde auch dazu führen, moderne Medien in alte Modelle einbringen zu können. Eine eigene WhatsApp-Gruppe, die die Jugendlichen des Vereins zum Thema: „Was können wir tun?“ erstellt haben, bietet dabei den Einstieg in einen neuartigen Umgang mit Aktivitätsorganisation.

Der Verein versucht den Jugendlichen in Pößneck Halt zu bieten und der Ort scheint sich auch positiv zu entwickeln. Zu Pößneck hat Creutzberg seine ganz eigene Meinung. “Nach 1990 wollte man durch Pößneck gerade mal so durchfahren!“, sagt er mit einem Schmunzeln, doch jetzt hebt Pößneck sich schon von den Orten in der Umgebung ab. Einiges unterliegt dem Wandel und obwohl eine Stadtflucht spürbar ist, ist es bemerkenswert, dass engagierte Jugendliche eine Heimatverbundenheit spüren und in der Region bleiben wollen. Engagement bindet. Diese jungen Erwachsenen leben die Verbundenheit mit dem Verein – und eine Möglichkeit solche Angebote zu vermehren, wäre nach der Meinung von Matthias Creuzberg die richtige Förderung und Unterstützung der regionalen Jugendarbeit.

Wir bedanken uns bei dem Stadtrat für das Gespräch. Ich freue mich darauf, morgen mit dem Landtagsabgeordneten des Thüringer Landtags, Christian Herrgott über seine Einschätzung der Situation von jungen Menschen im Saale-Orla-Kreis zu sprechen.


Heidrun Stiller mit Stadtrat und Vereinsvorsitzenden Matthias Creuzberg.