Allgemein Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e.V.

Denkwege zu Luther rund um Bergwitz

Carsten Passin zeigt den Bergwitzsee

Anders als ursprünglich geplant werden wir nicht von Bergwitz nach Kemberg laufen. Als mich Carsten Passin am Bahnhof Bergwitz mit dem Auto abholt, teilt er mir mit, dass das zweite Familienauto kaputt ist. Seine Frau kann uns deshalb nicht von Kemberg abholen und auf den Öffentlichen Nahverkehr könne man sich jenseits der Zugstrecke nicht verlassen. Wir beschließen deshalb bei schönstem Frühlingswetter eine Runde entlang des Bergwitzsees zu laufen. Den Kirchturm von Kemberg sehen wir in der Ferne. Kurzzeitig laufen wir sogar direkt auf dem Lutherweg.

In Bergwitz ist mir schon bei einem der letzten Besuche ein Grundstück aufgefallen, dessen Hecken akkurat geschnitten sind und auf dem eine Fahne mit heute wegen Windstille nicht erkennbaren Inhalten gehisst ist. Carsten Passin wohnt zwar nur ein paar Dörfer weiter, kann dazu aber nichts sagen. Steigere ich mich in etwas hinein, wenn ich im ländlichen Sachsen-Anhalt bei vielen Gelegenheiten rechtsextreme Hintergründe vermute?

Das Auto lassen wir auf dem Parkplatz des Anglervereins stehen. Der Projektleiter des bundesweiten Jugendprojektes „Denkwege zu Luther“ bekennt, dass er beim Angeln seine Ruhe findet. Dabei versucht er vor allem Raubfische zu fangen.

Geschütze Baumpflanzungen
Geschütze Baumpflanzungen

Bis 1955 wurde direkt neben dem Dorf Bergwitz Kohle abgebaut. In den 60er Jahren wurde der Tagebau rekultiviert und geflutet und dient seitdem als Erholungsgebiet. Wahrscheinlich auch aufgrund des sandigen Bodens sind die Wälder am Rande des Sees von Birken und Kiefern geprägt. Auf einer Halbinsel bieten sich immer wieder wunderschöne Blicke auf den See. Die Natur und ökologische Fragen sind deshalb auch immer wieder ein Thema. Wir entdecken eine Schonung, die mit den plasteverkleideten Bäumen ziemlich skurril aussieht und sprechen auch über den Wolf, dessen Spuren inzwischen regelmäßig in der Region gefunden werden.

Am See sind viele Spaziergänger unterwegs. Gegen Mittag kommen auch Jugendliche mit dem Fahrrad vorbeigefahren. Carsten Passin erzählt, dass der See auch ein wichtiger Treffpunkt für seinen Sohn sei. Mit einer relativ großen Clique würde er sich hier treffen. Aufgrund der relativ großen Entfernungen kommen die meisten mit dem Moped.

Als Jugendlicher im Landkreis Wittenberg aufzuwachsen sei nicht einfach, berichtet Passin. Man müsse schon zu den Aktiven gehören, die bereit sind, Eigenverantwortung zu übernehmen. Und es gäbe die anderen, die das nie gelernt haben, sich oft auch schon mit ihrer schlechten Situation abgefunden hätten. „Ich werde Diplom-Harzer“ sei so ein Spruch, den man dann hören würde, und Alkohol spiele dann oft eine große Rolle.

Tatsächlich gäbe es wenige Anreize für Jugendliche da zu bleiben oder zurückzukommen. Dabei würden doch Fachkräfte gesucht. Er würde so etwas wie eine Willkommenskultur für junge Menschen vermissen. Wir stellen im Gespräch fest, dass die Angebote für Ausbildungen und Jobs immer noch schlecht sind. Sachsen-Anhalt versucht sich eher als Niedriglohnland zu verkaufen. Wer etwas kann, geht deshalb nach wie vor zur übertariflichen Ausbildung mit Anstellungsgarantie, z.B. nach Bayern oder Baden-Württemberg. Vielleicht zeichnet sich aber auch hier aufgrund des Fachkräftemangels eine Verbesserung ab. Es gibt erste Unternehmen, die Auszubildenden gute Bedingungen schaffen oder versuchen, familiäre Situationen zu berücksichtigen.

Allerdings würden viel zu wenig über diese guten Beispiele berichtet. Und oft würden die Vernetzungen zwischen den Akteuren fehlen, die die Region entwickeln wollen. Auch darüber sprechen wir, wie er versucht, Change Maker in der Region zu verbinden.

Zum Abschluss frage ich ihn, warum der Lutherweg hier langführt und was wir nun zwischen Bergwitz und Kemberg verpasst haben. Zur Wegführung bekomme ich eine klare Antwort: Das habe jemand festgelegt. Immerhin führe der Weg immer wieder an authentische Lutherorte.

In Bergwitz  habe z.B. der Reformator Andreas Rudolf Bodenstein, genannt Karlstadt gewohnt, der durch die Initiierung des Bildersturms in Wittenberg bekannt geworden ist. Als Junker Jörg soll Luther diesen Bildersturm beendet haben. Trotzdem soll Luther Karlstadt persönlich in Bergwitz eingeführt haben. Diese menschliche Haltung Luthers beeindruckt Passin. Luther wäre es wichtiger gewesen, die Menschen mitzunehmen statt Revolutionen anzuzetteln.

Der Pfarrer von Kemberg Bartholomäus Bernhardi war ein enger Vertrauter Luthers, der schon 1521 heiratete und somit das vielleicht erste evangelische Pfarrhaus gründete. Manche behaupten sogar, dass der Plan zum Thesenanschlag im Kemberger Pfarrhaus entstanden sei. Die Reisen nach Kemberg empfand Luther wegen der schlechten Wege als sehr mühevoll. Leider sei der Cranach-Altar in der Kemberger Kirche bei einem Feuer vor wenigen Jahren zu einem wesentlichen Teil zerstört worden.

Zur Erziehung von Kindern habe Luther übrigens ganz die Vorstellungen seiner Zeit geteilt. Immerhin habe er sich auch für eine Schulpflicht ausgesprochen.

Bevor mich Carsten Passin wieder zum Bahnhof bringt, gehen wir noch auf einen der Bootsanleger des Angelvereins. Passin betont noch mal, wie sehr er die Natur genießt. Als er sich vor über zehn Jahren entschloss in die Region zu ziehen, fand er den Weg von Wittenberg durch die Felder nicht wahnsinnig schön. Als er aber die Wälder sah, stand sein Entschluss fest, sich hier im ländlichen Raum eine Heimat aufzubauen. Nach und nach entdeckte er dann auch die vielen kleinen Seen.

Auch wenn man als Zugezogener, noch dazu als Philosoph und Intellektueller, in den Dörfern nicht einfach akzeptiert wird, habe er den Schritt nicht bereut. Im Gegenteil es sei für ihn eine gute Schule gewesen. Und inzwischen sei er mit vielen Menschen im Gespräch.

Am Bahnhof gibt er mir noch Abrechnungsunterlagen des Projektes „Denkwege zu Luther“ für die Akademie mit, bevor ich mit einem der stündlich fahrenden Nahverkehrszüge wieder in die Kreisstadt zurückfahre.

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