Bank am Bergwitzsee

„Auf dieser Bank habe ich schon Seminare durchgeführt. Allerdings war sie da noch nicht ganz so kaputt.“ Zum Philosophieren gäbe es nichts besseres, als dabei im Freien unterwegs zu sein, meint Carsten Passin. Als Projektleiter von Denkwege zu Luther und quasi Anwohner des Lutherwegs liegt es nahe, dafür auch den Lutherweg zu nutzen.

Blick durchs Schilf auf den Bergwitzsee
Der Platz eignet sich besonders gut zum Philosophieren mit Jugendlichen

Allerdings hat er noch kein Konzept gefunden, wie er Jugendliche in freien Ausschreibungen dafür gewinnen kann, philosophierend auf dem Lutherweg unterwegs zu sein. Vielleicht gibt es nach Abschluss des Denkwege-Projektes 2018 Zeit und Gespräche, um hier etwas zu entwickeln. Mit Schulklassen und Gruppen von Multiplikator*innen habe er sehr positive Erfahrungen gemacht. Oft bräuchte es eine ganze Weile in Kleingruppengesprächen, bis alle sich auf ein gemeinsames Gespräch einlassen könnten. Dann allerdings gelänge es oft, sich wirklich zuzuhören, Argumente wirken zu lassen und sich auf das Gespräch miteinander und das Lernen voneinander einzulassen. So könne man gut lernen, mit Pluralität umzugehen und die eigene Engstirnigkeit und Überzeugungen zu hinterfragen.

Was ist Wahrheit? Was ist wahr? Was falsch? Und was eine andere Meinung? Diese Fragen, die bei solchen Seminaren eine wichtige Rolle spielen, sind aktueller denn je. Im Projekt „Das muss doch jeder selber wissen“ hat er diesen Satz auseinander genommen. Eigentlich ist es ein Freiheitsspruch, aber was soll dann das Wörtchen „muss“ darin. Und gibt es nicht auch Expert*innen? Und woran erkennt man sie? Kann ich in einer komplexen Welt überhaupt alles oder auch nur vieles selber wissen? Über Fragen wie diese haben die Jugendlichen sich gegenseitig verunsichert und anschließend neu darüber nachgedacht, was jeder wissen kann. Sie kamen zum Schluss, dass die Suche nach der Wahrheit eine moralische Verpflichtung bleiben müsse, wenn nicht jeglicher Maßstab verloren gehen soll.

Wenn man einer langen Linie folgt, kann man mit diesen Diskussionen auch an Luthers Forderung nach einem Priestertum aller Gläubigen anschließen. Auch wenn Luther in seiner Zeit noch nicht an eine echte Gewissensfreiheit denken konnte, hat er mit seiner Forderung, jeder müsse die Schrift selber lesen und dann würde der rechte Glauben schon kommen, die Grundlage dafür gelegt.

Diese Beispiele zeigten, warum außerschulische Bildung, die immer auf öffentliche Förderung angewiesen ist, dringend mehr Möglichkeiten zum Ausprobieren brauche. Die Medienwelt verändere sich rasant. Klassische Förderbedingungen könnten sich dem gar nicht schnell genug anpassen. Dazu müsse aber unbedingt auch die Option gehören, scheitern zu dürfen. Allerdings müsse die Bildung sich dann auch mehr in die Öffentlichkeit wagen. Eine gute Öffentlichkeitsarbeit gehöre dann ebenso dazu wie ein gutes Konzept zur Beteiligung an Debatten im Internet, insbesondere in den sozialen Medien.

Am Vortag war er auf Projekttour in der Region unterwegs. Interessant ist, dass laut Umfragen für die Bewohner*innen der Dübener Heide Wittenberg, Dessau und Leipzig zu ihrer Region gehört. Schon Bitterfeld gehört für viele allerdings nicht mehr dazu und Halle hat fast keiner im Blick. Die Region wird also durchaus als relativ großes Gebilde gesehen, immerhin sind die Orte jeweils bis zu 50 Kilometer entfernt. Allerdings scheinen nicht nur die Entfernungen zu zählen, sondern historisch gewachsene Zusammenhänge oder auch einfach nur die Attraktivität oder die Einkausfmöglichkeiten in den nächsten Städten. Interessant ist aber auch, dass sich zum Teil auch Vereine und kulturelle Aktivitäten in diesem Rahmen bewegen und dabei teilweise auch die Grenzen der Bundesländer, der Kreise und seit der letzten Gemeindereform auch der jetzt vergleichsweise flächengroßen Städte überschreiten.

Der Verein Merk Mal e.V., in dem Passin Mitglied ist, versucht in dieser – teilweise überregionalen – Region kleine Projekte zu unterstützen und zu vernetzen. Dabei geht es oft um Natur- und Umweltschutzfragen (Wiederherstellung von Streuobstwiesen, Bienenwiesen, öffentliche bzw. gemeinsam nutzbare Ökogärten, …). Aber auch viele kulturelle Projekte sind dabei. Echte Netzwerkarbeit sei allerdings schwierig und auch die landesweiten Träger scheiterten daran oft. Stattdessen böten sie dann eigene Projekte und Veranstaltungen an, die nicht immer den Bedürfnissen vor Ort angepasst seien.

Immerhin würden mehrere Akteure in Region versuchen, es jetzt anders zu machen. Auch wenn da nur kleine Schritte möglich seien, würde es doch sehr helfen, sich zu zeigen. Wenn andere Projekte, Vereine und Träger dem Vorbild folgen, würden immer mehr Akteure erkennen, dass sie nicht allein seien. Und vieles ließe sich gemeinsam besser bewerkstelligen. Das jedenfalls ist Passins Hoffnung für die Bildungsarbeit in der Region.

(Weitere Eindrücke vom Gespräch mit Carsten Passin, u.a. zum Aufwachsen Jugendlicher in der Region, gibt es hier.)

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