Allgemein Evangelische Akademie Meißen

Achillesferse (&) Jugendarbeit

Alle freuen sich auf das Gespräch auf dem Lutherweg. Wir wollen von Ringethal nach Mittweida laufen. Außerdem kündigt der Wetterbericht wunderbares Frühlingswetter an. Doch am Nachmittag zuvor kommt die Nachricht von einer Person: die Achillesferse macht nicht mit. Wir überlegen, dass wir trotzdem zu viert nach Ringethal aufbrechen, um dann nach einem ersten Gespräch nur zu dritt weiterzulaufen und uns anschließend zu viert wieder in Mittweida noch einmal auszutauschen. Doch wir beißen uns regelrecht im Thema fest, vorbei am Kirchgarten sind wir zum Ufer der Zschopau gelaufen und sind mittendrin in der Kinder- und Jugendpolitik. Zu viert. Die Entscheidung, sich zu trennen fühlt sich nicht mehr richtig an. Also steigen wir alle später wieder ins Auto und fahren gemeinsam zurück nach Mittweida. Dort sitzen wir dann noch eine Weile im intensiven Gespräch vertieft in einem Garten. Und schon währenddessen habe ich Zweifel, ob der Blog-Eintrag zu diesem Gespräch überhaupt ein kurzer werden kann.

 

Wencke Trumpold, Geschäftsführerin des Kinder- und Jugendring Sachsens und ich treffen diesmal Prof. Dr. Stephan Beetz und Prof.‘in Dr. Barbara Wolf, beide sind an der Hochschule Mittweida tätig, aber die Zugänge zu ihrer jetzigen Tätigkeit ganz verschieden. Gleichwohl verbindet beide die grundsätzliche Frage, wie ein gerechtes Miteinander in unserer Gesellschaft möglich sein kann. Und sie blicken auf langjährige konkrete Erfahrungen auch in der Praxis zurück.

Barbara Wolf ist in die Tätigkeit als Wissenschaftlerin irgendwie hineingeraten, wirklich angestrebt hatte sie das nie. Ihre Wurzeln liegen in der Behindertenarbeit. Doch dann kam die Option mit Prof. Dr. Lothar Böhnisch 1990 an die TU Dresden zu gehen und dort das Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften aufzubauen. Und so kam das Eine zum Anderen und der Lauf der Dinge führte zur Professur. Barbara Wolf betont jedoch, sie sei in der Fachpraxis beheimatet und der konkrete Kontakt zur Jugendarbeit ist bis heute essentiell für ihre Arbeit.

Sehr eindrücklich berichtet Stephan Beetz von den zahlreichen Gesprächen als Student in der DDR mit anderen Menschen in der Evangelischen Studierendengemeinde. Immer wieder hätte er sich mit der Frage beschäftigt, was mit den Menschen am Rand unserer Gesellschaft passiert. In der Folge trifft er die grundsätzliche Entscheidung, den Studiengang zu wechseln, ist am Aufbau einer Hochschule beteiligt, um später auf der Professur in Mittweida anzukommen.

Der Beginn des Gespräches ist wie das Blättern in einem Geschichtsbuch. Beide berichten sehr lebendig von den ersten 1990iger Jahren, der Anfangs- und Umbruchszeit auch in der Wissenschaft und Kinder- und Jugendhilfe. Dazu gehören natürlich auch Anekdoten, wir haben viel Gelegenheit zu lachen. Doch beim Abgleich mit den jüngeren Entwicklungen und den heutigen Aufgaben verändert sich immer wieder die Stimmung. Unmut über die aktuelle Situation, Irritationen über die Entwicklungen und Fragen an die wahrgenommenen Herausforderungen rücken in den Vordergrund. Beiden ist anzumerken, dass sie engagiert versuchen, dies verantwortlich in ihr Aufgabenfeld zu übernehmen und sowohl die Studierenden als auch die Fachpraxis zu unterstützen.

Die Gegensätze zwischen der Zeit Anfang der 1990iger Jahre und heute wirken beträchtlich. In der Umbruchphase sei vieles möglich gewesen. Es sei eine gewisse Unkompliziertheit erlebbar gewesen und es hätte nicht alles nach konkreten Regeln funktionieren müssen. Geprägt habe sie die Erfahrung, dass es möglich war Verantwortung zu übernehmen. Doch aus einer allgemeinen Atmosphäre des „Früher haben wir überlegt wie es geht“ sei inzwischen ein „heute denken wir nach, warum es nicht geht“ geworden. Aus dem Schaffen von Spiel- und Handlungsräumen habe sich ab 1995 Schritt für Schritt ein hierarchisches Handeln entwickelt, eine verzweckte Instrumentalisierung geprägt von einer Atmosphäre des Misstrauens und Probleme Suchens, mittels Instrumenten wie steten Evaluationen und Berichten wird der Weg oftmals vorgegeben.

Vor diesem Hintergrund nehmen Beetz und Wolf ein Machtverhältnis zwischen freien und öffentlichen Trägern wahr. Parallel haben sie den Eindruck, dass demokratische Gremien in ihrer Bedeutung geschwächt oder auch übergangen werden, durch Druck von oben nach unten würde beeinflusst werden, was wo und wie mit welchen Geldern gemacht werde. Beide beschreiben den Eindruck, dass wirklich öffentliche und ergebnisoffene Diskussionen in demokratischen Gremien immer seltener geführt werden. Auf die Nachfrage, ob denn unter Beachtung der demokratischen Gremien eine Kommunikation auf Augenhöhe möglich sei, verneinen sie dies. Offene Diskussionsprozesse seien erreichbar, tatsächliche Augenhöhe allerdings nicht, ein Machtungleichgewicht bleibt. In diesem Zusammenhang kommen wir darauf zu sprechen, wie sie mit diesen Einschätzungen die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfelandschaft aus konzeptioneller Perspektive beobachten. Für die Antwort gehen sie auf das in jüngeren jugendpolitischen Entscheidungen gestärkte Handlungsfeld der Schulsozialarbeit in Sachsen ein und stellen fest, dass um konkrete Konzepte kaum noch gerungen würde. So sei nicht zu beobachten gewesen, wo genau und mit wem ein ganz konkretes landesweites sächsisches Konzept für die Schulsozialarbeit diskutiert/entwickelt wurde und welches sich in das Gesamtkonzept der Kinder- und Jugendpolitik in Sachsen einbettet. Nur gebe es auch kein Gesamtkonzept der Kinder- und Jugendpolitik.

Immer wieder benennen beide konkrete Apelle für fachpolitisches Handeln. Sie haben Sorge, dass Qualitätsansprüche an die Jugendarbeit in Sachsen Schritt für Schritt verloren gehen. Der Freistaat müsse sich viel konkreter mit den tatsächlichen Wirkungen von Kinder- und Jugendpolitik, den Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen auseinandersetzen. Stattdessen nehmen beide wahr, dass immer wieder zu hören sei, dass alles an sich in Ordnung ist. Und dass Soziale Arbeit in der Regel vorab eine Art Nachweis erbringen müsse, was denn bestimmte Maßnahmen in der Folge „bringen“, ermöglichen. Der gesellschaftliche Wert müsse gerechtfertigt werden. Beim Straßenneubau würde dieser gesellschaftliche Wert automatisch unterstellt, obwohl er ebenso wenig zu berechnen sei. Und das Beispiel des sogenannten Sachsen-Monitors setze aktuell ein eklatantes Achtungszeichen: die dramatischen Zahlen zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gerade bei jüngeren Menschen erschrecken, denn die jungen Menschen sind hier in dem Bundesland aufgewachsen, hier zur Schule gegangen etc.

Wir sprechen im weiteren Verlauf ganz konkret auch über das Studieren an den Hochschulen. Der bisherige Gesprächsverlauf zeige doch auf, dass an den Bildungsorten die Jugendlichen erfahren müssen, wie sie sich einmischen, sich selbst politisieren können. Für diese Thematisierung und Diskussion von gesellschaftlichen Widersprüchen bedarf es allerdings in der Ausbildung Zeit, welche jedoch nicht in dem so schon zu knappen Studienzeitraum vorhanden sei. Unbedingt müssten der Bildungsort Hochschule und der Bildungsort Schule fiel enger auch über solche Fragestellungen partnerschaftliche im Austausch stehen. Ihre Schilderungen zu den Studierenden selbst sind ebenso entschieden. Sie stellen eine zunehmende Subjektivierung fest. Diese bereite ihnen Sorge, weil die Studierenden und später dann eben auch die Fachkräfte immer davon ausgehen, dass sie selbst genügen müssen, den Fehler ja nur sie gemacht haben können. Diese „Stromlinienförmigkeit“ schlägt sich auch in messbaren Entwicklungen nieder. Es lässt sich eine deutliche Zunahme von psychischen Erkrankungen unter den Studierenden beobachten. Ganz praktisch bedeute dies aber auch für das fachliche Handeln einiges: wenn Studierende die gesellschaftlichen und systematischen Grenzen wie auch Ausgrenzungs- und Diskriminierungsprozesse weder erkennen noch suchen, wie können sie dann später in der Praxis das Leiden der Klientel an den Zuständen der Gesellschaft erkennen?

Ich habe den Eindruck, dass beide hier sinnbildlich eine Achillesferse in Sachsen beschreiben und möchte das Gespräch auf Handlungsansätze lenken. Denn die sind notwendig, um dem bislang Beschriebenen zu begegnen. Und von der Problematik der Achillesferse sind wir ja schon ganz konkret auch in dem Gespräch betroffen. Also stellen wir die schlichte Frage, wie es denn den sächsischen Jugendlichen überhaupt geht, was wir wissen. Wir müssen eine weitere Achillesferse getroffen haben. Bei einer Antwort sei es schwer nicht zu spekulieren, bis heute würden kaum grundsätzliche relevante Daten erhoben, so als ob es nicht gewollt sei, sie von den Entscheidungsträgern nicht benötigt werden. Barbara Wolf und Stephan Beetz umschreiben das Aufwachsen in Sachsen als eine starke institutionelle Einbindung in die Kitas und Schulen. Der hier umgesetzte Ansatz des ganztägigen Lernens hätte aber zugleich die Folge, dass immer weniger öffentliche Räume für die Jugendlichen zur Verfügung stehen. Gerade in materiell schwachen Regionen bedürfen junge Menschen aber diese Rückzugs- und Experimentiertorte, zumal Armutslagen sich in Sachsen auf hohem Niveau verstetigt hätten. Die Entwicklung der Schullandschaft verbessere sich leicht, die Quoten ohne Schulabschluss blieben jedoch auffällig hoch. Junge Menschen würden oftmals als Steuerungsinstrument Sanktionen erleben, die bundesweit auffällig hohen Haft- und Arrestfälle als Folgen repressiver Maßnahmen unterstrichen dies. Wieder taucht im Gespräch der Hinweis auf die hohen menschenverachtenden Einstellungen auf, PEGIDA beschreiben sie als Ausdrucksform von Menschen, die das Gefühl haben nicht zu ihrem Recht zu kommen und dagegen wirken wollen.

Es wird notwendig auf die Jugendarbeit selbst zu sprechen zu kommen. Denn wir sitzen längst gemeinsam im Garten und die verabredete Zeit neigt sich dem Ende. Wie sieht der Alltag in der Jugendarbeit aus, was beobachten die beiden? Zunächst stellen sie fest, dass sich in den Jugendhäusern die Milieus nicht mehr vermischen, Jugendliche aus den Gymnasien würden dort kaum noch erreicht. Deshalb stünde Jugendarbeit dringend vor der Aufgabe Konzepte zu entwickeln, um auch diese Jugendlichen wieder zu erreichen. Zeitgleich sei die Jugendarbeit zu oft verzweckt, ihre Räume pädagogisiert. Die Ursache hierfür könnte in der Förderpolitik liegen, welche stets in allem Handeln der Jugendarbeit einen Qualitätsanspruch wissen mag. Dies nehme wiederrum die Räume zum Ausprobieren und Zurückziehen.

Doch was benötigt die Jugendarbeit? Beide umschreiben Jugendarbeit als ein schwaches gesellschaftliches Glied im Vergleich zu allen Lern- und Bildungsorten. Sie sei prekär finanziert und nimmt daher jede ihr zugeschriebene Aufgabe dankbar an, um doch wieder wenig Sicherheit zu haben, strukturell und finanziell schwach aufgestellt zu bleiben und stetig im Ringen um die Finanzen zu stecken. Dem ständigen Rechtfertigen um die Mittelverwendung stünde auf der anderen Seite die Aufgabe gegenüber, sinnbildlich die Welt zu retten und Schwierigkeiten zu verhindern. Zu diesem Bild gehöre aber auch, dass anders als beim Straßenbau ein Ende, ein Fertigsein von Jugendarbeit überhaupt nicht definierbar sei. Dabei sei in unserer Gesellschaft zu genüge Geld für solche Aufgaben vorhanden. Im Gespräch wird deutlich, dass mehr Geld keinesfalls automatisch eine bessere Situation nach sich zieht. Vielmehr ist zu überlegen, wie die Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse gestaltet und weiterentwickelt werden, um nachsteuern zu können. Hier knüpft das Gespräch an der Einstiegsphase an. Was beide irritiert ist, dass Jugendarbeit im Verständnis vieler nur auf der Ausgabenseite wahrgenommen wird, der Sektor also nur das Geld ausgeben könne, was zuvor im Wirtschaftssektor erarbeitet wurde. Eine Aufgabe, vor der die Jugendpolitik auch stehe ist, auch neu über den Wirtschaftsbegriff nachzudenken. Die Fachkräfte selbst allerdings müssen sich auch stärker vernetzen und koordinieren, und dies ressortübergreifend.

Barbara Wolf und Stephan Beetz verschärfen das Gesagte mit folgender Zustandsbeschreibung: obwohl die Kinder- und Jugendhilfe wie auch Sozialpolitik seit ca. 15 Jahren mit Effizienzkontrollen und Wirtschaftsinstrumenten konfrontiert wird, verfestigen sich gleichzeitig die hohen Zahlen bspw. in den Hilfen zur Erziehung, den Armutslagen etc., anstatt sich zu bessern. Und nun solle das System Schule, welches ganz offensichtlich an seine Grenzen gekommen sei, durch das System Jugendhilfe gestützt werden. Im nächsten Schritt jedoch, so vermuten Wolf und Beetz, werden die Akteure der Jugendhilfe wieder aufgelistet bekommen, wie viel Finanzen bereits zur Verfügung gestellt werden. Und gleichzeitig würde sich bei der Veröffentlichung des Armuts- und Reichtumberichtes über die an sich offenkundigen Inhalte und Ergebnisse zwischen den einzelnen Ministerien gestritten.

 

Das Gespräch geht zu Ende mit der Feststellung, dass Soziale Arbeit nur mit der Beteiligung der Betroffenen funktionieren kann, dies aber kaum so gestaltet wird und werden kann. Und nun käme als neue große Aufgabe noch hinzu, auch politische Bildung für die Stärkung der Demokratie zu gewährleisten, während die Jugendlichen im Schulalltag kaum demokratische Prozesse und selten gelebte Beteiligung erleben.

Das wunderbare Frühlingswetter hat mittlerweile sommerliche Temperaturen erreicht. Ich breche auf zum nächsten Gespräch, diesmal zur Hochschulpolitik. Beim Verlassen des Gartens bleibt nachhaltig der Eindruck der heftig zwickenden „Achillesferse Kinder und Jugendpolitik“. Doch das Zwicken wird durch die nächsten Gespräche verstärkt. Davon werde ich noch zu schreiben haben.

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