Allgemein Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands e.V.

Abgehängt? Nur auf den ersten Blick! Perspektiven junger Menschen in der Region des SOK

Meine nächste Unterhaltung habe ich mit Christian Herrgott, der als direkt gewählter Abgeordneter der CDU seit 2014 Mitglied im Thüringer Landtag und seit 2011 Vorsitzender des Kreisjugendrings im Saale-Orla-Kreis (SOK)  ist. Wir treffen uns in der Altstadt von Neustadt an der Orla – direkt am Lutherweg.

Gleich der Beginn unseres Gespräches dreht es sich um das Thema Perspektiven.

Herrgott stimmt zu, dass die Region auf den ersten Blick etwas abgehängt wirkt. Aber die Zukunftsperspektiven seien positiv, besonders für junge Menschen. Es gäbe viele Ausbildungsplätze, vor allem im Sekundären Sektor. Das Potenzial an Arbeitsplätzen ist nach Einschätzung des Abgeordneten nicht im Produktionsgewerbe gebunden, sondern bietet auch Akademikern und Führungspersonal im Dienstleistungssektor verschiedene Möglichkeiten. Die Nähe zu den Hochschulen und Universitäten in Gera, Jena und im angrenzenden bayrischen Landkreis Hof (in Entfernung von über 70km) strahlt laut Herrgott auf die Attraktivität des Landkreises ab.

Der demografische Wandel jedoch ist in den letzten Jahren deutlich spürbar: Während sich die Jahrgangsstärke junger Menschen, die die Schule abschließen, fast halbiert hat, sind die Angebote an Ausbildungsplätzen gleich geblieben. Ausbildungsstellen, die dauerhaft nicht an einen jungen Nachwuchs vergeben werden können, sind ein Problem. Kritisch sieht Landtagsmitglied Herrgott auch die hohen Kosten im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs, der zudem nur unzureichend alle Ortschaften des Flächenlandkreises abdeckt.

Aber wie kann eine nachhaltige Jugendarbeit und Jugendbildung gelingen, wenn Jugendclubs auf dem Land schließen oder schlicht nicht existieren? Während die einzige Option junger Menschen aus ihren Dörfern die umliegenden kleinen Städte des Landkreises wie Pößneck, Neustadt an der Orla und Schleiz zu erreichen, der Schulbus ist? Einen Ausschluss vom Luxus dieser Transportmöglichkeit bilden natürlich die Schulferien.

Die Überzeugung für seinen Landkreis ist Christian Herrgott anzusehen. Er betont die Vorreiterrolle im Engagement des Landkreises in der Jugendarbeit, indem dieser eine flächendeckende Schuljugendarbeit ermöglicht. Die Angebotsstruktur bietet auch auf dem platten Land eine offene Jugendarbeit.

Diese positive Einschätzung konnte ich in den Gesprächen mit Pastorin Fuchs und Stadtrat Creutzberg in dieser Form nicht finden. Was ich aus dem Gespräch mit Herrgott heraushöre, ist seine Auffassung, dass junge Menschen eher in der Region bleiben, wenn sie die Chance bekommen, verantwortungsvollere Aufgaben zu übernehmen und damit aktiv an der Gestaltung eines Gemeinschaftslebens teilzunehmen – sei es in der Schule, im Sportverein oder der freiwilligen Feuerwehr, Aktivitäten, die eine besondere Rolle im ländlichen Raum erfüllen. Die gleiche Einschätzung teilte auch Stadtrat Matthias Creuzberg.

Christian Herrgott wirkt wie ein Landtagsabgeordneter, der einen unverstellten Blick auf seine Region und seinen 34. Wahlkreis hat. Er hat einen klaren Eindruck von den Vor- und Nachteilen, die es hier gibt – wenn auch mit einer deutlich optimistischeren Grundhaltung. Die Kontraste sind vielfältig: Zusammen mit einem breiten zivilgesellschaftlichen Rückhalt hat die Stadt Pößneck sich das sogenannte Schützenhaus – ein ehemals überregionaler Treffpunkt rechtsextremer Gruppierungen – zurückgeholt und nach dem Wiederaufbau zu einem Ort für kulturelle Veranstaltungen entwickelt. Eine Erfolgsgeschichte! Jedoch, merkt Herrgott an, ist es natürlich, dass in den Köpfen nur langsam eine Veränderung stattfindet und man sich weiterhin mit Erscheinungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auseinandersetzen muss. „Nur weil der Hotspot weg ist, ist es die Einstellung aber noch nicht.“, merkt Herrgott an.

Um einen weiteren Kontrast hervorzuheben, nennt er die Möglichkeiten, die vom Kreisjugendring geboten werden, von dem er auch Vorsitzender ist. Mit Fördermitteln wird die Partizipation von Jugendlichen unterstützt, indem diese in die Lage versetzt werden, ihre eigenen Ideen zur Gestaltung ihres Jugendclubs zu entwickeln und zu finanzieren. Im selben Moment nennt er jedoch auch die Kehrseite. Allein durch die langen Anfahrtswege im Flächenlandkreis entstehen hohe Fahrtkosten. Hier haben Fördermittel eine geringere Effizienz als in Ballungszentren.

Zum Abschluss betont Herrgott, dass der Saale-Orla-Kreis eine Region mit viel Potenzial ist, was nur besser vermarktet werden müsse. Diese Aufgabe sieht er in den Händen der Politik – neue Chancen für die junge Generation zu ermöglichen. Die Aufgabe der freien Träger der Jugendarbeit und Jugendbildung hingegen sieht er darin, Jugendliche in Projekte und damit an die Region zu binden. Die Prognose ist für Herrgott aber auch hier positiv. Die Kooperation der Träger ist heute besser als früher. Das liegt nach seiner Einschätzung am Generationswechsel und den besseren strukturellen Rahmenbedingungen, die ein trägerübergreifendes Zusammenarbeiten fördern und fordern.

Wir verabschieden uns mit einem Foto vor der Stadtkirche St. Johannis. Mitten auf dem Lutherweg in Thüringen befand sich diese Kirche zu Reformationszeiten in einem großen Ausbau. Wie es in dieser Zeit war, weiß ich im Moment nicht so genau, aber ich bin der Antwort auf die Frage: „Wie lebt die junge Generation heute?“, etwas nähergekommen. Vielen Dank für das Gespräch.

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